Schlagwort: deutsche Lieder

Serie: Lieder unseres Volkes: „Christ ist erstanden“ – Österlicher Siegesjubel

„Alle
Lieder singt man sich mit der Zeit müde, aber das ‚Christ ist erstanden‘
muss man alle Jahr wieder singen.“ Erstmals angestimmt wurde es
wohl um 1100.

 

Siegesliede

 

Auf dem Schlachtfeld von
Tannenberg (1410) stimmten
die Ritter des Deutschen
Ordens, als das polnisch-litauische
Königsbanner in ihre
Hände fiel, einen Sang an: „Christ
ist erstanden“, nicht ahnend, dassdieser Tag für sie in einer fürchterlichen
Katastrophe enden würde.
Für uns Heutige mag die Wahl
dieses Siegesliedes etwas merkwürdig
sein. Die Ordensritter waren
ausgebildete Krieger, die das
Mönchsgelübde abgelegt hatten Aus ihnen rekrutierte sich die
Herrschafts- und Verwaltungselite
eines staatsähnlichen Gebildes,
das bereits sehr moderne Züge
aufwies. Ein geistliches Lied im
Munde solcher Männer auf blutigem
Schlachtfeld ist nicht ungewöhnlich.
Jahrhunderte später
sang Friedrichs des Großen Heer
auf dem Schlachtfeld von Leuthen
den Choral „Nun danket alle
Gott“.
Der Sieger
über den Tod
Eine große Auswahl deutschsprachiger
Kirchenlieder gab es für die
Ritter des Deutschen Ordens 1410
noch nicht. Sie sangen das älteste
überlieferte geistliche Lied deutscher
Sprache, das für den Ostergottesdienst
im Wien des 13. Jahrhunderts
nachgewiesen ist. Die
Melodie findet sich erstmalig in einer
Handschrift des Stifts Klosterneuburg
bei Wien aus dem 14.
Jahrhundert.
Die Geistlichen, die seit der
christlichen Missionierung unserer
Vorfahren die Gottesdienste der
römischen Kirche in der lateinischen
Kultsprache zelebrierten,
vermittelten die Glaubensgeheimnisse,
insbesondere der Hochfeste
Weihnachten, Ostern und Pfingsten,
den ihnen anvertrauten Gläubigen
über die zusätzliche Verlesung
der Evangelientexte auf
Deutsch, die Predigt und die sonstige
Glaubensunterweisung in
deutscher Sprache ergänzten dies.
Ferner ließen die Kleriker, zunächst
ganz vereinzelt, Lieder in
deutscher Sprache als Teil der Festliturgie
zu. So bildete sich „Christ
ist erstanden“ als Gemeindegesang
aus.
Wenn die Ritter des Deutschen
Ordens dieses Lied auf dem
Schlachtfeld anstimmten, so hatten
sie Christus als einen Helden vor
ihrem inneren Auge: Jesus der Sieger
über Tod und Hölle. Noch in
der Barockzeit ist dieser heldische
Grundzug des Ostersiegers Jesus
in einem beliebten Kirchenlied zu
erkennen: „Das Grab ist leer, der
Held erwacht, der Heiland ist erstanden
…“ Selbst in der jüngsten
Revision des katholischen deutschen
Einheitsgesang- und -gebetbuches
ist dieses Lied nicht ausgeschieden
worden, während dies
dem bekanntesten Lied über unseren
deutschen Schutzpatron
Sankt Michael widerfuhr („Unüberwindlich
starker Held, Sankt
Michael …“).
Für das älteste deutsche Kirchenlied
ist Jesu Ostersieg ein Auferstehen
„von der Marter alle“.
Die Ordensritter, noch nicht wie
wir Heutige überflutet von zahllosen
akustisch-optischen Reizen
und Impulsen, hatten dabei von
den Martern noch recht konkrete
Vorstellungen. Von den Texten des
Neuen Testamentes her, die im
Gottesdienst vorgetragen wurden,
und von den Predigten der Geistlichen,
manchmal auch von eindrucksvollen
Kunstwerken im Kirchenraum
oder ihrer Umgebung
wussten sie, wie sehr Christus unter
den Qualen von der Gefangennahme
bis zum Kreuzestod gelitten
haben musste. Jesu Sieg aber
muss alle Christen mit Freude erfüllen:
„Des sollen wir alle froh
sein, Christ will unser Trost sein.“
Aus der Glaubensunterweisung
wissen Christen, dass Christi Opfertod
und Auferstehung den
sterblichen Menschen Anteil am
ewigen Leben ermöglicht. Darin liegt der Trost bei allen Übeln, die
den Menschen treffen können.
Erbarmen
und Lachen
Die Strophe schließt mit einer im
Sprachgebrauch der Deutschen etwas
abgeschliffenen griechischen
Formulierung: „Kyrieleis“. Dies ist
ein griechischer Sprachrest in der
(während der Antike) lateinisch
gewordenen Messliturgie der römischen
Kirche (Kyrie eleison:
Herr erbarme dich). Gemeint ist
im Kontext der Strophe wohl, Gott
möge den Trost gewähren, der aus
Christi Opfer erwächst. Auch andere
frühe geistliche Gesänge in
deutscher Sprache enthalten diese
Gebetsformel, solche Lieder werden
daher „Leisen“ genannt.
Eine zweite Strophe kommt hinzu:
„Wär er nicht erstanden, so
wär die Welt vergangen. Seit dass
er erstanden ist, so loben wir den
Herrn Jesu Christ.“ (Andere Fassung:
„… so freut sich alles, was
da ist“. Und wieder schließt sich
das „Kyrieleis“ an. Hier wird
Christus also als Retter der Welt
gefeiert. Grund genug für lauten
Osterjubel!
Dieser Jubel durchtönt die Liturgie
der christlichen Konfessionen
an den österlichen Feiertagen, er erklingt
in zahlreichen Osterliedern
und österlichen Orgelstücken – und
ganz besonders beeindruckend im
Osteroratorium und in den Osterkantaten von Johann Sebastian
Bach. Im Mittelalter waren die
Geistlichen gehalten, lustige „Märlein“
in die Osterpredigt einzuflechten,
um ein Ostergelächter (risus paschalis)
auszulösen: das Lachen
österlich befreiter Menschen.
Von Osterfreude geprägt sind
auch viele Volksbräuche, die allerdings
zu einem beträchtlichen Teil
vorchristlichen Ursprungs sind.
Hierhin gehört der Osterspaziergang;
eine herrliche literarische Gestaltung
dieses Brauchs ist in Goethes
„Faust I“ zu finden. Hierhin
gehören die Bräuche um die Ostereier
und gesegnete Osterspeisen.
Und nicht zu vergessen sind die
Feuer- und Lichtbräuche im kirchlichen
und im weltlichen Bereich.
Wenn das älteste deutsche
Osterlied auch in der zweiten Strophe
mit dem Kyrieleis schließt, so
deutet das an, dass die „erlöste
Christenheit“ (so in einem jüngeren
Osterlied) auch nach der Erlösungstat
Christi auf Beistand und
Hilfe des „Kyrios“, des Weltenherrschers,
angewiesen bleibt.
Pfingsten sendet Gott den Menschen
den Heiligen Geist, den lateinische
und deutsche Gesänge
als den „Tröster“ besingen. Vielleicht
nicht nur für die Menschen
des Mittelalters war das sehr abstrakt.
Da hielt man sich lieber, wie
im ältesten deutschen Osterlied,
an Christus als den Tröster, was
Strophe 1 betont.

 

aus NZ 17-14 — 20

Serie: Lieder unseres Volkes: „Vom Barette schwankt die Feder“

.

Heinz Thum


 

 

Ein jugendbewegter
Gassenhauer

.

.

Franz Meyers (Jahrgang 1908)
war vielleicht der populärste
Ministerpräsident des Bundeslandes
Nordrhein-Westfalen
(1958 – 1966). Als Primaner des Stiftisch-
humanistischen Gymnasiums
in Mönchengladbach (damals: München-
Gladbach) führte er 1925/27
die katholischen Gymnasiasten, die
im Bund Neudeutschland (ND) eine
jugendbewegte Lebensgestaltung
zu praktizieren versuchten. In seinen
Jugenderinnerungen notierte
Meyers: „Wenn das Wetter es zuließ,
betätigten wir uns im Freien. Ich
weiß noch, wie erstaunt unser Studienrat
zusah, als eines Tages über
200 ‚Neudeutsche’ mit mir als ihrem
Anführer über die Straße zogen, das
Lied ‚Vom Barette schwankt die Feder’
sangen und zum Geländespiel
marschierten.“
Was der Studienrat bei diesem
zum jugendbewegten Gassenhauer
gewordenen (unechten) Landsknechtslied
zu hören bekam, wollte
nicht so recht zu den marschierenden
Jugendlichen passen, die doch
fast alle aus gutbürgerlichen Elternhäusern
stammten. Meyers war immerhin
Sohn eines berittenen Polizeisergeanten.
Dieses Lied aber
prahlte nur so mit einem derb-kraftmeierischen
Landsknechtstum, das
sogar einigen jugendbewegten Idealen
zu widersprechen schien.
Der Wandervogel Heinz Thum
(1890 – 1948) hatte das Lied nach einer
Textvorlage aus dem späten 19.
Jahrhundert verfasst und komponiert
und es 1914 in einem Wandervogel-
Liederheft veröffentlicht. Quer
durch die Bünde setzte es sich nach
dem Ersten Weltkrieg schnell durch.
Von wegen Suff und Fraß
Die erste Strophe stellt den Landsknecht
als einen Kämpfer vor mit
einem Wams „zerfetzt von Hieb und
Stich“ und mündet in den Kehrvers:
„Stich und Hieb und ein Lieb muss
ein Landsknecht haben.“ Liebschaften
und Poussiererei waren in den
meisten Jugendbünden, so auch in
der Schülerorganisation „Neudeutschland“,
verpönt – und trotzdem
sang man das mit Begeisterung.
In der zweiten Strophe wurden
die Wünsche der Landsknechte
auf „Suff und Fraß“ erweitert, in
Strophe 3 auf „Ruhm und Beute“.
Die Abrundung des Landsknechtslebens
bringt Strophe 4: „Landsknechtleben,
lustig Leben in der
Schenke Tag und Nacht! Sitzt ein fader
Kerl daneben, der nicht singt
und der nicht lacht: Schmeißt ihn
raus, reines Haus muss ein Landsknecht
haben.“

dddd

Bekanntlich verzichteten die
meisten jugendbewegten Bünde auf
Alkohol und Nikotin. Viele von der
Jugendbewegung erfasste junge
Menschen entsagten generell (im
Sinne der Lebensreform) diesen Genussmitteln,
so auch Franz Meyers
(der erst als Verbindungsstudent
diese strenge Haltung aufgab). Und
von wegen „in der Schenke Tag und
Nacht“ bekannte Meyers über seinen
Alltag als höherer Schüler und
NDer: „Rekapituliere ich den Ablauf
einer Woche von damals, so hatte
ich an den Nachmittagen montags
in ‚Neudeutschland’ Fähnlein;
dienstags (ND-)Ortsgruppe, mittwochs
15 Uhr Orchesterprobe, 17
Uhr Turnen im Gymnasialturnverein,
donnerstags Fußballtraining,
freitags Leichtathletik und samstags
Turnverein.“
Eine 1929 erschienene Liedsammlung
„Lieder der bündischen Jugend“
weist im Vorwort auf das Ergebnis
einer Erhebung hin, wonach das „Marsch-, Soldaten- und Landsknechtslied“
im bündischen Singen
der späten 1920er-Jahren überwiegt.
Mit Bedauern stellt der Herausgeber
dieser Sammlung fest: „Sicher ist,
dass das ‚Radaulied’ der gegenwärtigen
bündischen Gesamthaltung
eher gerecht wird als das musikalisch
bessere, aber ‚schwunglosere’
Lied.“ So ist es folgerichtig, dass er
„Vom Barette schwankt die Feder“
nicht in die Sammlung aufgenommen
hat. Immerhin gibt es für ihn
noch schlechtere nachempfundene
Landsknechtslieder. Etwa jenen Gesang,
in dem es heißt: „Wenn die
Landsknecht trinken, sitzen sie in
Klumpen, wenn die Sternlein blinken,
schwingen sie die Humpen.“
Wie war das
Landsknechtsleben?
In den meisten „neuen“ Landsknechtsliedern
wurde der Landsknecht
romantisch stilisiert, seine geschichtlich-
soziale Realität verblasste
dagegen. Diese war in den „echten“
Landsknechtsliedern der bündischen
Liedsammlungen durchaus
noch ablesbar. So etwa in „Gott gnad
dem großmächtigen Kaiser frumme“.
Da muss der Landsknecht
„Schnee, Regen, Wind, alles achten
geringe und hart liegen“ und kämpfen,
„bis ein’m rinnt’s Blut in d’
Schuch“. Der Erfinder dieses Liedes
(1530), Jörg Graff, wurde durch Verwundung
ein Invalide. Zur sozialen
Ächtung, der Landsknechte sich oft
ausgesetzt sahen, kam in seinem Falle
nun die bittere Armut. Und dennoch
hing Graff am Landsknechtsleben:
„Wär sunst im Orden blieben
willig bis Es war der jeweilige Grundzug
einer solchen Leitgestalt (des Scholaren,
des Landstreichers, des Zigeuners,
des Landsknechts), der die entsprechenden
echten oder nachempfundenen
Lieder bei den Jugendbewegten
(zwischen Pubertät und
Postpubertät) so beliebt werden ließ.
Man fühlte sich angesprochen von
dem Grundzug einer Lebensweise,
die in ein „Draußen“ führte, das im
Kontrast stand zu den Sicherheiten,
Bequemlichkeiten und Verweichlichungen
der Lebenswelt, aus der
die Jugendbewegten kamen. Mochte
es in den Einzelheiten noch so viele
Unterschiede geben, singend berührte
man den vermeintlichen Wesenskern
der besungenen Gestalten.
Innerbündische Kritik an manchen
Liedern (sei es am Text oder
an der Melodie) konnte zu Änderungen
oder Ergänzungen führen.
So erhielt „Vom Barette schwankt
die Feder“ eine neue abschließende
Strophe, die das lustige Sauf-Leben
relativierte. Unter Anlehnung an
Motiv echter Landsknechtslieder
hieß es nun: „Sollten wir einst liegen
bleiben in der blutdurchtränkten
Schlacht, sollt ihr uns ein Kreuzlein
schreiben auf dem tiefen, dunklen
Schacht. Mit Trommel viel und Pfeifenspiel
sollt ihr uns begraben.“
In den meisten Liederbüchern
nach 1945 fehlt diese Strophe. So
auch in der voluminösen Liedsammlung
„Deutsche Lieder“ von
Professor Ernst Klusen, die dieser
als einen repräsentativen historischen
Querschnitt verstanden wissen
wollte: als Antworten des Menschen
auf die Herausforderungen
der jeweiligen Zeit.

NZ 05-14

 

Serie: Lieder unseres Volkes: „Wir zogen in das Feld“

.

Strampedemi:

.
Vom Los der Landsknechte

.

)

.

Fahrender Scholar, Kunde

(Landstreicher) und Zigeuner

als Identifikationsfiguren

wurden in der deutschen Jugendbewegung

des frühen 20. Jahrhunderts

bald übertroffen durch den

Landsknecht. Im Ersten Weltkrieg

und in den Jahren danach fanden

viele Landsknechtslieder weit darüber

hinaus

Verbreitung.

Sie hatten nur

den Nachteil,

dass sie fast

alle nicht echt

waren, das

heißt, nicht aus

der Blütezeit

des Landsknechtstums

(also der Wende

vom Mittelalter

zur Neuzeit)

stammten,

sondern

im 20. Jahrhundert

getextet

und komponiert

worden

waren.

Hans Breuer

hatte 1908 in

die Erstausgabe

des „Zupfgeigenhansl“

ein echtes

Landsknechtslied

aufgenommen:

„Wir

zogen in das

Feld“. Es war

unter den

d e u t s c h e n

Landsknechten

entstanden,

mit denen

Kaiser Karl V.

im frühen 16.

Jahrhundert in

Italien Feldzüge

führte.

Georg Foster

hat 1540 die

erste Strophe

in seiner

S a m m l u n g

„Frische Teutsche

Liedlein“

ü b e r l i e f e r t .

Auch zwei weitere

Strophen

stammen mit

sehr großer

Wahrscheinlichkeit

aus dieser Zeit.

Kauderwelscher Kehrreim

Wenn Wandervögel und Bündische

sangen „Wir zogen in das

Feld“, so meinten sie natürlich

nicht den Aufbruch zu einem Feldzug,

sondern ihr Wandern in

„Wald und Feld“, wo sie – fern

von den Zwängen und Regulierungen

der Schule, des Elternhauses

und der Arbeitswelt – zumindest

für kurze Zeit ein frohes Jugendleben

auskosten konnten.

Und wenn sie in dieser Strophe

sangen: „… da hätt’n wir weder

Säckel noch Geld“, hatten sie Erfahrungen

vor Augen, die mit dem

vergleichbar waren, was die Existenzweise

der Landsknechte ausmachte.

Diese Jugendlichen gingen

bewusst mit sehr wenig Geld

auf Fahrt, im Gegensatz zu den

Touristen ihrer Zeit, was Ausrüstung,

Ernährungsweise und Über Übernachtung

anbelangte.

gggg

Was das Lied besonders schnell

Beliebtheit finden ließ, waren die

in jeder Strophe wiederkehrenden

zwei Zeilen in einem wunderlich

verderbten Italienisch: „Strampedemi!

A la mi presente al vostra

signori!“ Dieses Kauderwelsch aus

dem Munde deutscher Landsknechte

könnte bedeuten: „Trompetet!

Erscheint zum Appell, ihr

Herren!“ Oder, wie man anderen

Liederbüchern entnehmen kann:

„Trompetet mi-la-mi (= Notennamen),

zeigt euch zur Musterung,

ihr Herren!“ Diese Laute aus dem

Welschland schienen dem Lied etwas

Weltläufiges zu geben.

Mehrere Liederbücher drucken

„Wir zogen in das Feld“ mit der

Überschrift „Landsknechtsmarsch“

ab. Es entspricht in seiner

Melodie dem Schreiten der historischen

Landsknechte, nicht aber

dem strengen Marschrhythmus

von Marschliedern des 19. oder 20.

Jahrhunderts. Marschierende Bündische

sangen sich das Lied für

den Gesang von Marschkolonnen

zurecht. Wenn dann noch die Einleitungszeilen

zwei- oder mehrstimmig

intoniert werden und das

„ A la mi presente …“ kanonartig

gesungen wird, ergibt sich ein begeisterndes

Klangerlebnis.

Die beiden weiteren Strophen,

die als echt angesehen werden

können, verweisen auf Stationen

eines der damaligen Landsknechtsfeldzüge.

„Wir kamen von

Siebentod …“ Im Munde der

Landsknechte wurde der italienische

Ort Cividale in Friaul zu „Siebentod“.

Ihre Lebensbedingungen

dort: „… da

hätt’n wir

weder Wein

noch Brot.“

Die dritte

Strophe beginnt

so:

„Wir kamen

vor Friaul,

da hätt’n wir

a l l e s a m t

groß Maul.“

G e m e i n t

sind wohl

lautstarke,

d r o h e n d e

Forderungen

nach Auszahlung

des

Soldes. Die

später erfundene

Benevent-

Strophe

lautet: „Wir

kamen vor

Benevent, da

hätt all unser

Not ein

End’.“ Gemeint

sind

hier wohl:

Sold, Beute

und Lebensgenuss

nach

vielen entbehrungsreichen

Tagen.

„Wir kamen

auch

nach Rom,

da gingen

wir in Sankt

Peters Dom

…“ Gemeint

ist hier aber

nicht ein äst

h e t i s c h e s

oder religiöses

Erlebnis

der Landsknechte,

sondern

der berühmt-

berüchtigte

Sacco di

Roma (1527),

die Erstürmung Roms, bei der

auch deutsche Söldner beteiligt

waren (unter ihnen Lutheraner,

die in St. Peter „antipapistische“

Graffiti hinterließen). Wenn man

in den katholischen Jugendbünden

des 20. Jahrhunderts diese

Strophe sang, wussten die Sänger

entweder nichts über die Plünderung

Roms und die Entweihung

von St. Peter oder sie machten sich

nichts daraus.

Vielseitig verarbeitet

in der Literatur

Das Lied wirkte bis in die deutsche

Romanliteratur hinein. Der niederrheinische

Dichter Otto Brües nutzte

es an zwei wichtigen Stellen seines

großen autobiographisch getönten

Romans „Der Silberkelch“

(1948), um den Wandervogel zu

charakterisieren: 1913 planen Krefelder

Gymnasiasten die Gründung

eines Jugendbundes. Den gebe es bereits, sagt einer, nennt

den Wandervogel und mimt einen

Klampfenspieler, wobei er den

Strampedemi-Kehrvers anstimmt.

Im Ersten Weltkrieg nehmen Figuren

dieses Romans an einem Treffen

des Feld-Wandervogels hinter

der nordfranzösischen Front teil.

Als die Wandervogel-Soldaten zur

Sonnwendfeier ziehen, singen sie

das Strampedemi-Lied. Das

„Feld“, in das sie gezogen sind ist

für sie, wie einst für die Landsknechte

des Liedes, zum Schlachtfeld

geworden.

Hanns Heinz Ewers arbeitete in

seinem 1933 publizierten Roman

„Reiter in deutscher Nacht“ die

Hoffnungen und Enttäuschungen,

die Wege und Irrwege, die Taten

und Untaten deutscher Nationalsozialisten

zwischen November

1918 und 1932 auf. Im Januar 1924

richtet ein studentischer Stoßtrupp

Franz Josef Heinz-Orbis, den Präsidenten

der „Pfälzer Republik“

(von Frankreichs Gnaden), in Speyer

hin. Der Präsident tafelt mit einigen

separatistischen Spießgesellen

im „Wittelsbacher Hof“, ein Teil

des Hinrichtungskommandos erhält

Zugang als vermeintliche

Truppe junger Kleinkünstler. Einer

von ihnen begleitet mit der Gitarre eine Schnellzeichnerin, die ein Präsidentenportrait

skizziert und dabei

das „Wir zogen in das Feld“

trällert, es launig (und zugleich verschlüsselt

auf das bevorstehende

Attentat hinweisend) kommentiert.

Einer der Beteiligten in Gedanken:

„Das Lied hatten sie im Kriege gesungen

und im Freikorpslager.“

Wie vor ihr schon manche andere

erfindet die Schnellzeichnerin Lili

eine neue Strophe: „Wir kamen in

die Pfalz, zum rot’ Hahn in die

Balz, da hätt’n wir Pirsch viel, Jagd

gut, über die Schuh Blut. Strampedemi

…“ Wenig später fallen die

tödlichen Schüsse auf den Separatistenführer.

Ernst Klusen, akademischer

Volkslied-Experte, schrieb 1980:

„Singen verhilft dem Einzelnen

zum Ausdruck seines Selbst. Indem

er sich im Lied ausdrückt, findet

er zu sich, zu seiner Identität.

Singend bestätigt er sich in seiner

Existenz, und Selbstbestätigung ist

für die Selbstfindung wichtig.“

Klusen kam aus der Jugendbewegung.

Er zögerte darum nicht, „Wir

zogen in das Feld“ in die große

Sammlung „Deutscher Lieder“

aufzunehmen, die er 1980 im Insel

Verlag herausbrachte.

 NZ 04-14
 

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// ]]>

Serie: Lieder unseres Volkes: „Es ist für uns eine Zeit angekommen“

.

Die Herzen von Jung und

Alt eroberte sich in der

zweiten Hälfte des 20.

Jahrhunderts das Lied „Es ist für

uns eine Zeit angekommen“. Auch

in der diesjährigen Vorweihnachts und

Weihnachtszeit wird es in vielen

Feierstunden erklingen. Es besingt

die „große Freud“ der winterlichen

Wochen, wie sie sich bei einer

Schneewanderung durch „die weite,

weiße Welt“ einstellen kann.

Überaus wohltuend ist die Ruhe:

„Es schlafen Bächlein und See unterm

Eise, es träumt der Wald einen

tiefen Traum. Durch den Schnee,

der leise fällt, wandern wir …“ Die

märchenhaft verzauberte Landschaft

erfüllt ein tiefer Friede: „Vom

hohen Himmel ein leuchtendes

Schweigen erfüllt die Herzen mit

Seligkeit. Unterm sternbeglänzten

Zelt wandern wir …“

Romantische Motive! Es klingt

eine Naturfrömmigkeit an, die sich

fast ganz von der christlichen Sphäre

gelöst hat. Das innig-stimmungsvolle

Lied geht auf eine christliche

Liedtradition zurück und ist vom

Berliner Komponisten und Musiklehrer

Paul Hermann (1904 – 1970)

im Zweiten Weltkrieg umgeschrieben

worden, wobei er die überlieferte

Melodie nur ganz leicht bearbeitet

hat. Hermann lag damit auf

der Linie jener Experten und Praktiker

der Liedpflege, die damals mit

einem gewissen Opportunismus

dem nationalsozialistischen Zeitgeist

folgend, christliches Liedgut

ersetzen wollten. Doch Hermann

vertonte auch Lieder christlichen

Inhalts, zum Beispiel Mörikes Gedicht

„In ihm sei’s begonnen“ oder

Novalis’ Marienlied „Ich sehe dich

in tausend Bildern“.

Ursprung

in der Schweiz

Für sein Weihnachtslied hatte Hermann

auf ein Lied aus dem Wiggertal

bei Luzern zurückgegriffen,

dessen 1. Strophe so lautete: „Es ist

für uns eine Zeit angekommen, es

ist für uns eine große Gnad’. Unser

Heiland Jesus christ, der für uns

Mensch geworden ist.“ Strophe 2

deutet die Krippenszene aus, Strophe

3 geht auf die heiligen drei Könige

ein. Die Melodie wurde als alter

„Sterndrehermarsch“ eingeordnet.

Ein Lied also, zu dem Erwachsene,

Jugendliche und Kinder nach

altem Brauch verkleidet und mit einem

selbst gebastelten Stern von

Hof zu Hof, von Haus zu Haus zogen

und nach dem Gesang des

frommen Liedes Gaben erwarteten.

Das alte Schweizer Dreikönigslied,

das Hermann so gänzlich umgeschrieben

hatte („Kontrafakturverfahren“,

in der Musiktradition

alles andere als unüblich), wurde

aber keineswegs in unserem

Sprachraum ganz verdrängt. Man

stößt zum Beispiel in einem Liederbuch

für die evangelische Jugend

in der DDR („Singt und klingt“, 2.

Aufl. 1964) darauf. Auch in gottesdienstlichen

Feiern beider Konfessionen

erklang es ab und zu in allen

Teilen unserer Kulturnation. Außerdem

bürgerte sich hie und da der

Brauch ein, auf die drei Strophen

Hermanns die erste Strophe des

Sterndreherliedes folgen zu lassen,

um so die schöne Umdichtung Hermanns

in einen christlichen Zusammenhang

zu stellen.

Anderes Schicksal als

„Hohe Nacht der klaren

Sterne“

Diese Kombination ließ sich bei

Hermanns Lied gut anwenden. Es

enthielt nichts, was typisch für die

NS-Ideologie gewesen wäre, und

überlebte so mühelos das Katastrophenjahr

1945. Kaum jemand wusste

etwas über die Textentstehung.

Daher regte sich, wo auch immer

Hermanns Lied gedruckt oder gesungen

wurde, kein „antifaschistischer“

Protest.

Als Gegenbeispiel nehme man

Hans Baumanns „Hohe Nacht der

klaren Sterne“, das nach den Vorstellungen

radikal-neuheidnischer

Nationalsozialisten (und ihrer opportunistischen

Nachbeter) das in

aller Welt als typisch deutsch geltende

„Stille Nacht, Heilige Nacht“

verdrängen sollte. Ein fragwürdiges

Unterfangen, wenn man bedenkt,

wie sehr „Stille Nacht, heilige

Nacht“ von vielen Millionen deutscher

Menschen verinnerlicht worden

ist. Nach 1945 erhob sich der

anklagend-mahnende „antifaschistische“

Zeigefinger gegen Baumanns

Lied. Dennoch wurde es

weiter in manchen Liederbüchern

abgedruckt und verschwand auch

nicht ganz aus der Singepraxis der

Weihnachtszeit.

Es gibt ein in der NS-Zeit entstandenes

Winter-/Weihnachtslied

(Text und Weise: cesar Bresgen)

das in den Motiven Paul Hermanns

Lied ähnelt. Es hat das Jahr 1945

ebenfalls überstanden und ist in

den Nachkriegsjahrzehnten noch

lange in Jugendgruppen und Schulen

gesungen worden, wenn die

Führer oder Lehrer ein Gespür für

die Eingängigkeit dieses Liedes hatten.

Es ist als ein Lied des Winter –

ansingens gedacht, so wie alte und

neue Lieder für das Sommeransingen

im großen Fundus unserer Jugend-

und Volkslieder zu finden

sind. „So singen wir den Winter an

…“ geht in Strophe 2 zur verschneiten

Winterlandschaft über: „… und

fern vom Himmel kommt ein Licht

und geht durch alle Wälder“. Strophe

3 verweist auf die Weihnachtsfreude:

„Das Licht wird hell und

geht ins Haus und scheint in alle

Herzen, wir hol’n den Baum vom

Wald heraus mit seinen tausend

Kerzen. Eia, eia, hell soll das Licht

uns leuchten.“

.

NZ 51-2013.

Update: Serie: Lieder unseres Volkes: „Maria durch ein Dornwald ging“

.

 

Im bekanntesten Wandervogel-Liederbuch, dem „Zupfgeigen-hansl“ (1908 in Erstauflage erschienen), findet sich ein Lied, das von den Adventsfeiern der Wandervögel her über Jahrzehnte bei den Jugendbewegten und weit über ihre Kreise hinaus weite Verbreitung fand: „Maria durch ein Dornwald ging“. Hans Breuer und seine Mitarbeiter hatten es in das Kapitel „Geistliche Lieder“ aufgenommen. Maria durch ein Dornwald gingAuf den ersten Blick mag es verwunderlich erscheinen, dass im überwiegend protestantisch geprägten Wandervogel Marienlieder gesungen wurden; im „Zupfgeigen-hansl“ standen aber gleich mehrere. Und das, obwohl damals weithin die Gegensätze zwischen Katholiken und Protestanten oft noch recht scharf herausgekehrt wurden und zahlreiche dumme Vorurteile über die jeweils andere Konfession kursierten.

Faszination Mittelalter

Für „Maria durch ein Dornwald ging“ wurde in späteren bündischen Liederbüchern als Herkunft meistens „Aus dem Eichsfeld“ abgedruckt, also auf jene katholische Exklave in Mitteldeutschland verwiesen, deren tiefe Marienfrömmigkeit beim Deutschlandbesuch Papst Benedikts Millionen Zuschauern durch die Fernsehübertragung einer Marienandacht nachvollziehbar gemacht wurde.

Im Wandervogel sah man „Maria durch ein Dornwald ging“ als ein Lied an, dessen Aussage, Wortwahl und Melodie sehr alt zu sein und aus dem späten Mittelalter oder der frühen Neuzeit herzukommen schienen. Die Wandervögel hielten nichts von der aufklärerischen Abstempelung des Mittelalters als einer finsteren Ära. Sie glaubten vielmehr, es reichten so manche wertvolle Bestandteile einer mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Volkskultur bis in ihre Gegenwart hinein, man müsse viel Verdecktes und Verborgenes nur auffinden. So sammelte man z. B. Volkslieder (wobei man den Begriff sehr weit fasste). „Maria durch ein Dornwald ging“ wurde als ein Volkslied geistlichen Charakters verstanden, in dem das deutsche Gemüt sich besonders innig und schön ausdrückte.

Was die jugendbewegten Volksliedsammler bei diesem Lied faszinierte, war der schlichte und kernige Glaube der Vorfahren, der hier anklang. Das Lied griff einen biblischen Erzählvorgang auf, den die Gottesdienstbesucher im Jahresturnus vorgetragen bekamen: Die Wanderung der schwangeren Maria

übers Gebirge, um ihre Base Elisabeth zu besuchen. Der unbekannte Textdichter unseres Liedes lässt die Gottesmutter durch eine seltsam verwandelte Landschaft ziehen. Nicht durch einen jüdischen oder deutschen Wald in gebirgiger Gegend,
sondern durch einen Wald von Rosensträuchern, der seit sieben Jahren (die Sieben als eine Glücks- und Unglückszahl im Volksglauben!) nur Dornen, aber kein Blattwerk und keine Rosen getragen hat.
Dieser Dornwald verweist auf Krankheit, Not und Elend.

Als Maria das göttliche Kind in ihrem Leibe durch diesen Wald trägt, vollzieht sich ein Rosenwunder: „Da haben die Dornen Rosen getragen . “ Seit dem Mittelalter war die Rose (insbesondere die Pfingstrose in ihrer Schönheit) ein Attribut der Himmelskönigin Maria. Sie war die Rose ohne Dornen. (Die Rosen des Paradieses hatten einer Legende gemäß keine Dornen.) Maria in einem Paradiesgärt-lein – dieses Bild der von herrlichen Rosen umgebenen Maria war den Gläubigen seit dem Mittelalter von zahlreichen künstlerischen Darstellungen her bekannt.

Heil für die Welt

Die Botschaft dieses Liedes: Das göttliche Kind bringt der heillos-unseligen Welt die Erlösung, und Maria ist es, die an diesem Heilswerk mitwirkt. Das Lied hat aber keine falsche marianische Ausrichtung. Es macht die Rangfolge klar: „Jesus und Maria“. Und in jeder Strophe wird dies durch Einfügung des uralten griechischen Einsprengsels aus der lateinischen Messliturgie verdeutlicht: „Kyrie eleison“ (= Herr, erbarme dich unser).

Ohne die Vermittlungstätigkeit der Wandervögel und der späteren Bündischen sowie der aus ihren Reihen hervorgegangenen Persönlichkeiten aus Bildung, Erziehung und Medienwesen hätte dieses Lied sich nicht so eindrucksvoll durchsetzen können: von stilvollen Feiern in Bünden, Vereinen und Schulen über das „Offene Singen“ (zur Adventszeit viele Jahre lang sehr beliebte Rundfunkübertragungen) bis zum festen Bestandteil des christlichen Gemeindegesangs in Advents- und Weihnachtszeit. Letzterem wird nun auch dadurch Rechnung getragen, dass dieses Lied in die Neubearbeitung des katholischen Einheitsgesangbuches für die Bistümer deutscher Sprache („Gotteslob“) aufgenommen wird.

Manch anderes Advents- und Weihnachtslied unserer geistlichen Volksliedtradition ist in den letzten Jahrzehnten musikalisch aufge-peppt, verschlagert, verjazzt worden

–    auch als Teilerscheinung einer Kommerzialisierung dieser Festzeit. Bei der Melodie „Maria durch ein Dornwald ging“ will das nicht recht gelingen, das Lied sperrt sich geradezu gegen solche Experimente. Es verweist in tiefere Bereiche unserer weltlichen und geistlichen Existenz. Lied- und Instrumentalsätze zu diesem Adventslied sind also danach zu bewerten, ob sie es schaffen, die tröstende Botschaft in einer oft trostlos wirkenden Zeit den Herzen heutiger Menschen nahe zu bringen.

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aus National-Zeitung 49-13

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