Der Historiker Dr. Stefan Scheil über antideutsche Ausschreitungen in Polen im Jahr 1935

Herr Dr. Scheil, polen3 im April und Mai 1935 flammten antideutsche Ausschreitungen in den nach dem Versailler Vertrag an Polen abgetretenen Gebieten wieder auf – in Ost-Oberschlesien, z.B. in Kattowitz und Laurahütte, aber auch in Posen-Westpreußen. Was waren der Anlaß und die Motive für diese Ausschreitungen?

Scheil: Es ist schwer, hier einen konkreten Anlaß als wirklichen Grund zu nennen. Ausschreitungen gegen alle nicht ethnisch polnischen Staatsbürger der Republik Polen lagen zu dieser Zeit ständig in der Luft. Das traf Deutsche, aber auch Ukrainer und vor allem Juden. Israelische Historiker schätzen, daß 1935/36 etwa eintausend Juden bei Pogromen in Polen erschlagen wurden. Hintergrundmotive dieser Gewalttaten waren sowohl die extreme Armut als auch der übersteigerte polnische Nationalismus dieser Zeit. Polnische Nationalisten fühlten sich durch die Geschichte, vor allem durch die polnischen Teilungen, jahrhundertelang von der Welt betrogen und deshalb nach der Wiedererstehung Polens berechtigt, es nun allen heimzuzahlen. Das polnische Selbstbild als ewiges Opfer ist ein ganz zentrales Motiv.

Hatte nicht der – knapp ein Jahr nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler proklamierte – deutsch-polnische Nichtangriffsvertrag ein Signal für eine Verbesserung der Beziehungen sein sollen?

Scheil: Der Vertrag vom 26. Januar 1934 bedeutete in der Tat eine Verbesserung der Beziehungen, nachdem noch 1932/33 ein polnischer Angriff auf die späte Weimarer Republik auf der Tagesordnung gestanden hatte. Von dem deutsch-polnischen Nichtangriffspakt als einem Freundschaftsvertrag zu sprechen, wäre aber überzogen. Denn an der grundsätzlichen Erwartungshaltung in Warschau, daß man zur Selbstbehauptung und Erweiterung Polens einen Krieg gegen Deutschland führen müsse, hat sich in den dreißiger Jahren zu keinem Zeitpunkt etwas Substantielles geändert.

Hatte Hitlers Regierung mit dem Nichtangriffsvertrag nicht sogar die alten Eliten der Republik brüskiert, auch das Auswärtige Amt und die Reichswehr, bei denen bis dahin der Konsens bestand, „gutnachbarliche“ Beziehungen zu Polen könne es nur dann geben, wenn Warschau „Rück-Revisionen“ seiner Westgrenze zustimmen würde?

Scheil: Mitglieder des deutschen Kabinetts und des Auswärtigen Amts forderten nicht nur eine Grenzrevision, sondern stellten das Existenzrecht Polens teilweise grundsätzlich in Frage. Militärs wie Seeckt und Politiker wie Stresemann wollten während der Weimarer Republik das Ende des polnischen Staates. Die erste Denkschrift, die das Auswärtige Amt dem neuen Kanzler Hitler in dieser Frage zuleitete, forderte wörtlich eine „totale Lösung“. Der konservative Außenminister von Neurath erläuterte das vor dem Kabinett mit den Worten, man dürfe sich gegenüber Polen nicht mit kleinen Grenzrevisionen zufrieden geben. Noch zur Jahreswende 1938/39 notierte der Staatssekretär im Außenamt, Ernst von Weizsäcker, er hätte Ribbentrop und Hitler empfohlen, „Polen auf das uns genehme Maß als Puffer gegen Rußland zu reduzieren“. Als Mittel sollte die Forderung nach sofortiger Rückgabe Danzigs und nach einer „sicheren Landbrücke“ nach Ostpreußen dienen. Das war zu einem Zeitpunkt, als Ribbentrop und Hitler der Republik Polen eine Garantie ihres damaligen Territoriums anboten. Hier bestand tatsächlich ein heute weitgehend vergessener Gegensatz der NS-Führung zu Teilen der alten Eliten.

Welche Vorteile hatte sich Hitler von dem spektakulären deutsch-polnischen Abkommen versprochen?

Scheil: Wie gesagt, beseitigte das Abkommen von 1934 zunächst die unmittelbare Angriffsdrohung aus Polen. Es verschaffte der NS-Regierung zudem internationales Ansehen, weil es konstruktiven Charakter hatte. Im Jahr 1933 waren mit dem endgültigen Stop von Reparationsleistungen, dem Rückzug aus den Genfer Abrüstungsverhandlungen und dem Austritt aus dem Völkerbund zunächst vorwiegend destruktive deutsche Schritte vorausgegangen.

Worin lag der gegenseitige Nutzen, das „Quid-pro-quo“ der Vereinbarung?

Scheil: Polen erreichte indirekt die Anerkennung des territorialen Status quo durch Deutschland, demonstrierte vor allem aber den Westmächten, daß es eine eigene Politik betreiben wollte und nicht länger bereit war, als stete, billige Drohkulisse gegen Deutschland aufzutreten.

Wie wurde der Pakt in der polnischen Öffentlichkeit aufgenommen?

Scheil: Die polnische Öffentlichkeit akzeptierte den Pakt als Mittel praktischer Politik, faßte ihn aber nicht als grundsätzliche Wende im deutsch-polnischen Verhältnis auf. Vereinzelt erhoben sich Stimmen wie die des Publizisten Wladislaw Studnicki, der sich für ein langfristiges Bündnis mit Deutschland in Form einer Blockbildung aussprach, aber das blieben Ausnahmen. Symptomatischer war die Beförderung eines Mannes wie Henryk Baginski in den polnischen Generalstab, der in seinen Veröffentlichungen nichts geringeres forderte als die Auslöschung Preußens, die Rückeroberung aller früher slawischen Länder und die Verlagerung der deutschen Hauptstadt nach Frankfurt am Main, da Berlin auf slawischem Gebiet liege.

Lag es denn in Berlins Kalkül, einen Polen-Pakt auszuhandeln, den es letztendlich gar nicht einhalten wollte?

Scheil: Nein, zumindest gibt es keinen Beleg dafür, daß der Pakt von deutscher Seite abgeschlossen wurde, um gebrochen zu werden. Aber in den überlieferten Geheimreden Hitlers, etwa der Hoßbach-Niederschrift, taucht stets ein trotz Nichtangriffspakt geführter polnischer Angriff als mögliches Szenario auf. Nach dem Abschluß des englisch-polnischen Abkommens im Frühjahr 1939 sah man in Berlin dann Polen endgültig als Feind und kommenden Angreifer an. Die Details der Vereinbarungen Polens mit Frankreich und England schlossen zudem einen polnischen Angriff auf Deutschland als möglichen Bündnisfall mit ein. Das war ein bis dahin einzigartiger Vorgang in der englischen Geschichte. Der britische Botschafter in Berlin äußerte nach dieser Entwicklung im Sommer 1939 die Ansicht, Hitler müsse den Eindruck haben, daß England den Krieg um jeden Preis wolle.

Gab es in den Optionen der deutschen Reichsregierung auch die Hoffnung auf eine wirkliche Aussöhnung mit einem bisherigen „Erbfeind“?

Scheil: Polen sollte seit Herbst 1938 als deutscher Verbündeter gewonnen werden und in etwa den Rang Italiens erhalten. Der Begriff der „wirklichen Aussöhnung“ im heutigen Sinn ist den 1930er Jahren aber fremd. Es galt gerade als Nachwirkung des Ersten Weltkriegs weiter als selbstverständlich, daß die internationale Politik in Europa zwischen konkurrierenden Nationalstaaten stattfand, zwischen denen gegenseitige Achtung möglich war, aber auch Krieg. Beides galt als eine Frage des Datums. Zwar erhoben die damals bestehenden Organisationen wie der Völkerbund den Anspruch, daran grundsätzlich etwas zu ändern. Sie hatten sich aber in der Praxis als Instrumente nationalstaatlicher Machtpolitik der Sieger von 1919 erwiesen und waren damit diskreditiert. Wirkliches Vertrauen bestand nicht, stattdessen lagen ethnische Säuberungs- und Vertreibungsphantasien auf allen Seiten in der Luft. Selbst ein gemäßigter Mann wie Andre Francois-Poncet, der langjährige französische Chefdiplomat in Deutschland, äußerte 1938 Bedauern darüber, daß man die Deutschen nicht ganz aus Europa vertreiben könne, wie man es im Mittelalter mit den Mauren getan hatte.

Hat Deutschland in den Folgejahren gezeigt, daß es bereit war, polnische Ziele zu unterstützen?

Scheil: Die polnische Regierung nutzte die deutsche Revisionspolitik, um eigene Forderungen gegenüber der Tschechoslowakei und Litauen durchzusetzen. Das geschah mit der Billigung Berlins, das davon indirekt auch selbst profitierte, weil die Westmächte dadurch nicht mit der Hilfe Polens zur Stützung der 1919 in Versailles gezogenen Grenzen rechnen konnten. Allerdings betonte Polens Außenminister Beck im September 1938 bei einer Beratung der polnischen Führung, er könnte innerhalb von 24 Stunden auf die Seite Englands und Frankreichs wechseln. Auch solch ein Schritt war eine Frage des richtigen Datums und des gebotenen Preises.

Nochmals zurück zu den Unruhen vor 75 Jahren im Jahre 1935: Kann etwa die Volksabstimmung im Saargebiet im Januar 1935, die „Heimkehr der Saar“, polnische Befürchtungen ausgelöst haben, jetzt sei die „Sammlung der deutschen Erde“ angesagt und Berlin werde den Ausgleichskurs mit Warschau wieder verlassen? Oder hat die Wiedereinführung der Wehrpflicht im März 1935 eine Rolle gespielt?

Scheil: Der Druck auf die Deutschen in Polen hatte zu keinem Zeitpunkt wirklich aufgehört. Manche antideutschen Agitationsvereine mußten seit 1934 zwar ihren Namen ändern und die Aktivitäten dämpfen. Dennoch gingen die wirtschaftlichen und kulturellen Maßnahmen in diese Richtung weiter und wurden durch die internationale Politik damals weder besonders beschleunigt noch verlangsamt. Der deutsche Botschafter in Warschau berichtete 1935, es sehe so aus, als wollte die polnische Regierung während der zehnjährigen Laufzeit des Nichtangriffspakts durch ein Aus für die Deutschen in Polen vollendete Tatsachen schaffen. Der Wojwode von Oberschlesien, Michal Grazynski, faßte seine Politik zu dieser Zeit in der Tat mit den lapidaren Worten „Deutsche ausrotten“ zusammen.

Was waren die Gründe dafür, daß Polen sich immer mehr in den Sog der Politik der Westmächte ziehen ließ und dem Ausgleichskurs Berlins – der ja offenbar wirklich bestanden hat – immer weniger entsprach?

Scheil: Diese Gründe lagen zum einen in der grundsätzlichen Erwartungshaltung in Warschau, daß ein deutsch-polnischer Konflikt wegen der sich gegenseitig ausschließenden Ansprüche langfristig unvermeidlich sei. Diese Ansicht konnte sich, wie gesagt, auf entsprechende Äußerungen deutscher Verantwortlicher stützen und traf daher in gewisser Weise zu. Zum anderen ließen die kriegs­geneigten Kreise um Winston Churchill seit Mitte 1938 erkennen, einen gegen Deutschland gerichteten polnischen Kurs mit handfesten Zusagen bezahlen zu wollen. Als der polnische Außenminister Beck im Frühjahr 1939 nach London fuhr, setzte er deshalb offiziell „Kolonien, Juden und Danzig“ auf seinen Forderungskatalog. Dabei bedeutete der Punkt „Juden“ die offen erhobene Forderung der polnischen Regierung nach Auswanderung aller polnischen Juden nach Afrika. Der frühere und zu dieser Zeit nach England emigrierte deutsche Reichskanzler Heinrich Brüning hat darüber hinaus ausgesagt, daß bei dieser Gelegenheit ein englisch-polnisches Teilungsabkommen in Bezug auf Teile Ostdeutschlands geschlossen worden sei, das man ihm später während des Krieges zur Kenntnis gegeben hat. In London konnte man im Krieg übrigens Henryk Baginski wieder antreffen, der seine Eroberungspläne jetzt in englischer Übersetzung präsentierte.

Stehen die polnischen Ausschreitungen von 1935 in einem Zusammenhang mit den späteren Ausschreitungen unter der Sammelbezeichnung „Bromberger Blutsonntag“?

Scheil: Die Ausschreitungen von 1935 können als Auftakt zu den Gewalttaten an den Deutschen in Polen im Jahr 1939 gelten, die bekanntlich Tausende von Todesopfern forderten. Sie gehören zu einer nationalistisch aufgeladenen und durch den Ersten Weltkrieg tief erschütterten Epoche.

Ist davon etwas in den heutigen deutsch-polnischen Beziehungen übriggeblieben?

Scheil: Diese Ära ist heute vorbei, und man kann zudem in Bezug auf Polen nicht von Erbfeindschaft sprechen. Die deutsch-polnischen Beziehungen wie die internationalen Beziehungen überhaupt erlebten zwischen 1918 und 1945 einen Tiefpunkt ohne historische Parallele. Jede verantwortungsvolle Politik wird darauf abzielen, daß dies Vergangenheit bleibt und nationalstaatliche Konkurrenz friedlich stattfindet. Es ist heute möglich, öffentlich einen differenzierten Blick auf die Ursachen und Ereignisse zu werfen, die zum deutsch-polnischen Krieg von 1939 führten. Die Redewendung vom unprovozierten „deutschen Überfall auf Polen“ ist unangebracht, ebenso wie die immer wieder anzutreffende Deutung, es seien die deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße der Republik Polen im Jahr 1945 quasi gegen ihren Willen aufgedrängt worden. Meine Forschungsergebnisse zu Ausbruch und Eskalation des Zweiter Weltkrieg lassen erkennen, daß er die Konsequenz einer ganzen Reihe von zwischenstaatlichen und ideologischen Konflikten war, letztlich das Ergebnis einer „vereinten Entfesselung“.

Herr Dr. Scheil, vielen Dank für das Gespräch.

Stefan Scheil, Historiker, 1963 in Mannheim geboren, Studium der Geschichte und Philosophie in Mannheim und Karlsruhe, Dr. phil. 1997 in Karlsruhe. Er forscht zur Vorgeschichte und Eskalation des Zweiten Weltkriegs, sowie zum politischen Antisemitismus in Deutschland und schreibt als freier Mitarbeiter für die Wochenzeitung Junge Freiheit und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Scheil veröffentlichte zuletzt die Bücher Churchill, Hitler und der Antisemitismus. Die deutsche Diktatur, ihre politischen Gegner und die europäische Krise der Jahre 1938/39 und Fünf plus Zwei. Die europäischen Nationalstaaten, die Weltmächte und die vereinte Entfesselung des Zweiten Weltkriegs.

Artikel von ZUERST

Geschichte historisch…1. WK, 07. 02. bis 22.02.1915…In der Winterschlacht in Masuren versuchte Hindenburg vor 100 Jahren nach der 2. nun die 10. russische Armee einzukesseln

Fast ein zweites Tannenberg

Winterschlacht in Masuren 7.2. bis 22.2.1915

Während die Tannenbergschlacht in Deutschland heute noch ein Begriff ist, scheint die sogenannte Winterschlacht in Masuren vom 7. bis 22. Februar 1915 total vergessen zu sein. Dabei waren ihre Auswirkungen mit den Ergebnissen des deutschen Sieges von Tannenberg durchaus vergleichbar.

Auch bei dieser Schlacht hatte General Paul von Hindenburg auf deutscher Seite den Oberbefehl inne. Neben dem Sieger der Schlacht bei Tannenberg, seiner 8. Armee, die mittlerweile von Otto von Below befehligt wurde, stand dem Oberbefehlshaber der gesamten deutschen Streitkräfte im Osten (OberOst) dies­mal auch das XXXX. Reserve-Korps unter dem General der Infanterie Karl Litzmann sowie die zwischenzeitlich neu aufgestellte 10. Armee zur Verfügung. Diese von Hermann von Eichhorn befehligte Armee bestand aus dem XXXVIII. und dem XXXIX. Reservekorps sowie dem aus Elsässern und Lothringern bestehende XXI. Armeekorps. Jenes Korps hielt man beim Einsatz im Westen für unzuverlässig, aber im Osten schlug es sich hervorragend.

Der Zar verlor
knapp 160000 Mann,
der Kaiser 16200

Die russische 10. Armee unter dem deutschbaltischen General Thadeus Baron von Sievers sollte – ähnlich wie bei Tannenberg 1914 die russische Narew-Armee – umfasst und vernichtet werden. Man bezweckte damit, den letzten Streifen ostpreußischen Bodens, auf dem die Russen immer hinter der ungefähren Linie Nikolaiken–Lötzen–Angerburg–Darkehmen–Gumbinnen standen, zu befreien. Daher rührt auch der Namen „Winterschlacht in Masuren“.

Zur Einkreisung dienten den Deutschen als linker Flügel Eichhorns 10. Armee mit ihrem Armee­oberkommando in Insterburg und als rechter Flügel Belows 8. Armee mit ihrem Armeeoberkommando in Sensburg. Der deutsche Angriff kam einem neuen russischen Großangriff auf Ostpreußen zuvor. Geheimhaltung und Spionageabwehr auf deutscher Seite funktionierten wie weiland bei der Schlacht von Tannenberg vorzüglich. Noch bevor die Russen losschlugen, ergriff Hindenburg die Initiative und ging in Richtung Osten vor. Hauptmann Hans von Redern schrieb über den Beginn der Offensive am 7. Februar 1915 und den herrschenden Geist in der deutschen Truppe:

„Wie üblich bezeichneten in Flammen aufgehende Ortschaften die Rückzugslinien des Gegners. Es war ein schauerlich-schönes Bild, wenn wir in die Dunkelheit hinein marschierten und rings am Horizont lohende Gehöfte und hell brennende Dörfer uns den Weg beleuchteten. Diesen Mordbrennern mußten wir an den Kragen! Das war der einzige Gedanke, der uns ohne Rast vorwärtstrieb.“

Das russische Hauptquartier des Kommandos des Obersten Befehlshabers (Stawka Werchownowo Glawnokomandujuschtschewo, kurz Stawka) Großfürst Nikolai Nikolajewitsch wie auch der zuständige Heeresgruppenbefehlshaber der Nordwest-Front, General Nikolai Russkij, schätzten den deutschen Angriff in seinen Dimensionen anfangs falsch ein. Man hielt alles nur für lokale Angriffsoperationen, die auf die kleine Festung Ossowitz und die Garnisonsstadt Kauen (Kowno, Kaunas) zielten. Erst zwischen dem 11. und dem 14. Februar 1915 wurde den Russen der ganze Ernst der Lage klar. Dies war kein lokaler deutscher Angriff, sondern eine auf die Einkreisung der 10. Armee zielende Operation, wobei deren rechte Flanke bereits zerschlagen war.

Nunmehr bemühte man sich – wie bei Tannenberg – zu retten, was noch zu retten war. Doch der beschleunigte russische Rückzug glich oft genug einer panischen Flucht. Die Spuren dieser Flucht beschrieb Redern wie folgt:

Die Russen hatten, „als sie sich verloren sahen, die Säcke“ mit Militärproviant „von den Fahrzeugen heruntergerissen, sie aufgeschnitten und alles wahllos auf die mit tauendem Schnee bedeckte Straße verstreut. Bis an die Knöchel watete man in Zucker, Hafer, Tee und Röstbrot. Beim Anblick der Bagagewagen bekam man einen Einblick, wie die Russen in Ostpreußen gehaust hatten. Alles was nicht niet- und nagelfest war, hatten sie mitgehen heißen: Damenhüte mit großen Federn, Damenkleider und Blusen, Nähmaschinen, Grammophone, aus dem Rahmen geschnittene alte Bilder und Stiche, Geweihe und Gehörne, Kunstgegenstände aller Art, Schreibmaschinen …“

Zwei russischen Armeekorps gelang es unter großen Verlusten zu entkommen, ein weiteres war zerschlagen und das XX. Armeekorps unter General Pawel Bulgakow kapitulierte. Die russische Armee büßte knapp 60000 Tote und Verwundete, etwa 100000 Gefangene und 300 Geschütze ein. Die deutschen Verluste betrugen rund 16200 Mann. Der deutsche Sieg besaß eine ähnliche Dimension wie der von Tannenberg. Der Befehlshaber der 10. Armee wurde abgesetzt und in die Wüste, dass heißt als Truppenbefehlshaber nach Sibirien, geschickt. Dort beging er kurz darauf Selbstmord. Auch der Befehlshaber der Nordwest-Front erhielt den blauen Brief. Ihren für das Frühjahr 1915 geplanten Vorstoß nach Ostpreußen führte die russische Armee nicht mehr durch. Stattdessen wurde sie im Mai 1915 von einer weiteren deutschen Großoffensive, dem erfolgreichen Frontdurchbruch bei Görlitz und Tarnau in Galizien, überrascht und weit nach Osten zurück­gedrängt.

Mit der Zerschlagung der einst so siegesgewissen 10. Armee in den Wäldern von Augustów, knapp hinter der ostpreußischen Grenze begannen die großen russischen Niederlagen des Jahres 1915, die letztlich den russischen militärischen und politischen Zusammenbruch 1917 einleiteten. Deshalb stellte die Niederlage der 10. Armee für die Russen ein großes Trauma dar und gehörte im Zeit­raum zwischen den beiden Weltkriegen zum Standardlehrprogramm der sowjetischen Militärakademien.

Jürgen W. Schmidt   Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 07/15 vom 14.02.2015

Nicht umsonst sprechen manche von der Winterschlacht bei Lyck und Augustów

Das Hauptkontingent des russischen Heeres lag in Lyck, das seit dem 7. November 1914 zum dritten Mal besetzt war. Der deutschen Heeresführung war die Massierung der Russen in Lyck bekannt. Am 11. Februar 2015 begann unter dem Befehlshaber der 8. Armee, General Otto von Below, der Angriff auf Lyck. Die Russen hatten um die Kreisstadt herum, begünstigt durch die vielen Landengen zwischen den Seen, einen Verteidigungsring aufgebaut. Es kam zu heftigen Kämpfen mit großen Verlusten auf beiden Seiten. Auch zwischen dem Großen Sawinda-See und dem Wos­zeller See war acht Kilometer nordwestlich von Lyck eine Verteidigungssperre aufgebaut. Die Russen verteidigten sich tapfer. Vom zwei Kilometer westlich der Verteidigungssperre liegenden Grabnick aus beobachtete am 14. Februar Kaiser Wilhelm II. mit einem Scherenfernrohr die Kämpfe.

Nach der Beendigung dieses Krieges wurde dort ein Soldatenfriedhof mit dem sogenannten Kaiserstein errichtet. Der Friedhof besteht heute noch. Anstelle des „Kaisersteines“ ziert heute ein schlichtes Holzkreuz die Stelle der Beobachtung durch den Kaiser. Im Übrigen gibt es im Kreis Lyck mit ungefähr 30 so viele Soldatenfriedhöfe wie sonst nirgendwo. Der bedeutendste unter ihnen ist wohl der Friedhof mit den drei Kreuzen bei Bartossen, das „Masurische Golgatha“.

Gleichzeitig mit dem Angriff auf Lyck gelang es den deutschen Kräften, Lyck weiträumig zu umgehen. Der linke Flügel unter dem Befehlshaber der 10. Armee, General Hermann von Eichhorn, marschierte aus der Gegend um Gumbinnen in Richtung Suwalki. Der rechte Flügel unter dem Befehlshaber des XXXX. Reservekorps, General Karl Litzmann, marschierte aus der Gegend von Johannisburg auf polnischem Gebiet nahe der Reichsgrenze über Grajewo und Rajgrod in Richtung Augustów. Hier trafen sich beide Einheiten, die Einkreisung war vollendet.

Als die Russen nach den verlorenen Kämpfen um Lyck sich nach Osten zurückziehen wollten, tappten sie in eine Falle und wurden vernichtend geschlagen.

Lyck wurde am 14. Februar endgültig befreit. Kaiser Wilhelm II. besuchte am 16. Februar das stark zerstörte Lyck. Als Dank für die Befreiung wurden in Lyck Straßen umbenannt beziehungsweise neu benannt. Aus der Hauptstraße wurde die Kaiser-Wilhelm-Straße, aus der Bahnhofstraße wurde die Hindenburgstraße. In der Siedlung Sperlingslust wurde eine Straße nach General Litzmann benannt. Die Ziegeleistraße wurde in Morgenstraße umbenannt. Generalleutnant Curt von Morgen war als Befehlshaber des zur 8. Armee gehörenden I. Reservekorps auch an der Befreiung Lycks beteiligt gewesen. Das gleiche gilt für den Befehlshaber der zum I. Reservekorps gehörenden 2. Division, General Adalbert von Falk. Eine Falkstraße gab es aber schon in Lyck, die war nach dem gleichnamigen Vater und Kultusminister benannt. Dafür wurde Falk junior ebenso wie sein Vater und Hindenburg Ehrenbürger von Lyck. Gerd Bandilla

Die Reichsgründung am 18. Januar 1871 des Deutschen Reiches

Die Reichsgründung am 18. Januar 1871 durch die Proklamation Wilhelms I. zum Deutschen Kaiser war der vorläufig abgeschlossene Prozeß zur Entstehung des Deutschen Reiches. Zeitgeschichtlich wurde es als das sogenannte Zweite Reich nach dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bezeichnet.

 

Deutschland – Deutsches Reich

 

Die Kaiserproklamation zu Versailles am Reichsgründungstag, 18. Januar 1871; nachdem Otto von Bismarck die Proklamation vollbrachte, tritt Großherzog Friedrich von Baden nach vorn und bittet Wilhelm, seinen Schwiegervater, ein Hoch auf ihn aussprechen zu dürfen. Wilhelm gewährt ihm den Wunsch, woraufhin der Großherzog der gespannt wartenden Versammlung im Spiegelsaal die Worte entgegenschmettert: „Seine Kaiserliche und Königliche Majestät, Kaiser Wilhelm, lebe hoch!“ Dieser Ausruf ist von größter Bedeutung, denn der Großherzog umgeht damit die Problematik des Kaisertitels, denn es gab Differenzen ob „Kaiser von Deutschland“, „Kaiser der Deutschen“ oder „Deutscher Kaiser“. Nach diesem Ausruf erschallt sechsmal ein donnerndes Hoch der Anwesenden. Gleich danach – die Fahnen undStandarten der deutschen Fürstentümer wehen über dem Haupt des neuen Kaisers – stimmen die Anwesenden das „Heil Dir im Siegerkranz“ an, das die Funktion einer Nationalhymne im Kaiserreich übernehmen wird.

 

Die Bekanntmachung der Proklamation

Holger Strohm: Keine Schuld Deutschlands am 1.+ 2.WK

oder

 

Am 19.11.2018 veröffentlicht

Laßt Euch nicht bzgl. Atomkrieg in Angststarre versetzen! Nach meiner Überzeugung wird es NICHT zu einem Atomkrieg kommen, da die heute angesagte Technik ein ELEKTRO-MAGNETISCHER/ SKALARER / LASER/ PARTIKELSTRAHLEN-WAFFEN- Krieg ist! W.Altnickel Bei der 1. Bilderberger Konferenz der 50er Jahre wurde von künftigen SILENT WARS= STILLEN KRIEGEN gesprochen.

Geschichte: 19. Oktober 1813…Befreiungsschlacht bei Leipzig gegen Napoleon

Liebe Mitdenker, Freunde und Patrioten,

heute gedenken wir eines wahren Tags der Befreiung:
Am 19. Oktober 1813 haben die vereinigten Heere von Preußen, Rußland, Österreich und Schweden, unter dem Oberbefehl von Feldmarschall Schwarzenberg, die VÖLKERSCHLACHT bei Leipzig siegreich geschlagen, damit das Ende der napoleonischen Ausplünderung Europas eingeläutet und die deutsche Nation befreit!!!
Deutsche Patrioten wie Theodor Körner hatten den Traum, den gemeinsamen Kampf gegen die Fremdherrschaft zur Vereinigung der bis dahin zerstückelten deutschen Nation zu nutzen und die Volksverräter des Adels und deren Politparasiten, für die Komplizenschaft mit Napoleon und den Verrat am deutschen Volk abzuurteilen. 
Theodor Körner opferte sein junges Leben diesem Patriotismus im Kampf, als Mitglied des Freikorps der Lützower Jäger. Wir wissen, daß sich sein großer Traum bis heute nicht erfüllt hat. Die derzeit an der Macht befindliche Polit-Feudalkaste betreibt den aktiven Untergang unserer Kulturnation – und mehr als 60% der Bevölkerung, bestätigen die Legitimation dieses Regimes in dumpfer Verblödung und nach mehr als 70 Jahren Gehirnwäsche, in Schein-Wahlen. Armes, geliebtes Deutschland.
Zur Geschichte: Mitte Oktober 1813 hatte Napoleon all seine Truppen bei Leipzig zusammengezogen. Am 16. Oktober begann dort die große „Völkerschlacht“, die über das Schicksal Deutschlands und Europas entscheiden sollte. Mehrere hunderttausend Soldaten mit zehntausenden Pferden und über eintausend Kanonen standen sich gegenüber. 
Die Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis 19. Oktober 1813 war die Entscheidungsschlacht der Befreiungskriege. Dabei kämpften die Truppen der Verbündeten gegen die Truppen Napoleon Bonapartes.[6] 
Mit bis zu 600.000 beteiligten Soldaten aus über einem Dutzend Ländern war dieser Kampf bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts wahrscheinlich die größte Schlacht der Weltgeschichte. 
In dieser wichtigsten Schlacht des Befreiungskrieges gegen die napoleonische Unterdrückung brachten die verbündeten Heere Napoleon Bonaparte die entscheidende Niederlage bei, die ihn dazu zwang, sich mit der verbliebenen Restarmee und ohne Verbündete aus Deutschland zurückzuziehen.
In der Schlacht fanden rund 92.000 Soldaten  den Tod. Zum einhundertsten Jahrestag wurde 1913 in Leipzig das 91 Meter hohe Völkerschlachtdenkmal fertiggestellt, für jeden deutschen Patrioten ein Ort der Besinnung zur Einheit der Nation.

Oktober 1932: Die Geschichts-Not und die Gefahr der Barbarei…v. Prof. Dr. Eugen Rosenstock…Teil 1

Wissenschaft an der Wende

Die Geschichtsnot und die Gefahr der Barbarei

Oktober 1932

v. Prof. Dr. Eugen Rosenstock

Vor 130 Jahren hat Friedrich Schiller dem deutschen Volk die großen Ereignisse der europäischen Geschichte in seinen mächtigen Dramen lebendig gemacht. „Wallenstein“, „Don Carlos“, „Die Jungfrau von Orleans“ und „Wilhelm Tell“ – in ihnen ist die Geschichte erschlossen als sittliche Macht. „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“.

Als Professor der Geschichte hat Schiller aber auch den Anschluss an die wissenschaftliche Geeschichtsschreibung gefunden. Und selbst das große Publikum kennt seine Geschichte des Abfalls der Niederlande oder hat wenigstens davon gehört, dass er sein Wirken in Jena eröffnet habe mit einer großen Rede: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“

Weniger bekannt ist es aber, daß der Dichter nicht nur hinüber zum Geschichtsstudium die Brücke geschlagen hat, sondern dass er mit gleicher Kraft  an den Volksüberlieferungen hing. Und doch erklärt erst diese Seite seines Geistes die Volkstümlichkeit seines Schaffens. Eines seiner letzten Worte vor dem Sterben war der Wunsch:

„Gebt mir Märchen und Rittergeschichten; da liegt der Stoff zu allen Schönen und Großen.“

Das Wort in der Sterbestunde wiegt schwer. Also der Sage, der Lust an den geraunten und vererbten Geschichten räumte Schiller die gleiche Würde und Wichtigkeit ein wie dem reifen historischen Kunstwerk und dem ernsten Studium der Geschichte.

So umfaßt er die geschichtlichen Strömungen in all ihren verschiedenen Höhenlagen mit gleicher Inbrunst. Kann es da seinem Volk, dem Volk Schillers, je an Geschichtssinn mangeln?

Man sollte es nicht für möglich halten. Und doch ist heute deutlich ein Nachlassen der geschichtlichen Sicherheit zu vrspüren. Nicht nur der Deutschen, auch aller anderen Völker bemächtigt sich eine Unrast und Ungeduld. Sie scheinen sich losgerissen zu fühlen vom Mutterboden des großen Geschehens ihrer Ahnen.

Die alten Geschichtlichen Werte in Europa sind  bedroht. Schon spricht man von Einbruch der Barbarei in Europa. Barbaren aber sind eben geschichtslose Massen, geschichtslos gewordene Massen. Denn von Haus aus sind alle Menschen geschichtsgläubig und geschichtenfroh. Es ist also eine nachträgliche Errkrankung, wenn ihr Gedächtnis abstumpft, weil die Last der Erinnerungen mit dem eigenen Leben der Generation nicht mehr vereinbar zu sein scheint.

Aber die Erkrankung braucht vielleicht auch nur eine heilsame Erschütterung zu bedeuten, durch die neuer Geschichte Bahn gebrochen wird?

Das Verhältnis zwischen Sage und naiver Überlieferung, künstlerischer Erzählung der Vergangenheit und mühsamer Erforschung der Geschichte ist jedenfalls heute gestört.  Das Gleichgewicht in dem bei Friedrich Schiller diese drei Arten der Geschichte standen, ist verschwunden.

Das Volk raunt sich heute andere Geschichten zu, als die Schriftsteller gestalten; und die Schriftsteller gestalten nicht, was die Gelehrten erforschen. Dieser Riß zwischen 1. Mythos und Sage in den Massen, 2. Biographie und Erzählung unter den Gebildeten, 3. Forscherarbeit am Quellenstoff für die Gelehrten macht die Geschichtsnot unserer Tage aus.

Im Volk wird seit Jahrzehnten vom Christentum, vom Hakenkreuz, der Sachsenbekehrung, dem Bauernkrieg, dem Heiligen Römischen Reich, von den Juden, den fremden Rassen, den Franzosen, dem Papsttum, den Freimauerern, den Fürsten, dem Kapitalismus geraunt und gemurmelt, getuschelt und gezetert mit einer Freude am Aberglauben, am Widersinn sogar, und mit einer Abneigung gegen die einfachen Wahrheiten der Wissenschaften, die zu denken geben müssen.

Da muß irgend etwas nicht stimmen, wenn das tollste Zeug so heißhungrig geglaubt wird. Ein geheimer Hunger kündigt sich jedenfalls an, dem die öffentliche Geschichtsstunde offenbar nicht Genüge tat.

Auf der anderen Seite bezeugt ein Blick in die Schulbücher der Geschichte und in die Vorlesungsverzeichnisse der Geschichtsprofessoren die Unsicherheit, die auf dem unermeßlich breiten Strom der bisherigen Geschichtsschreibung herrscht. Seine Zuflüsse vertrocknen. Weder die Geschichte der Kirche, noch die Geschichte des Staats haben mehr jene elektkrische Verbindung mit dem Innern des Volks.

Von der Tiefe aus scheinen sie zu versiegen. Ein Beispiel: Seit dreißig Jahren bemühen sich die Lehrbücher, neue Geschichsperioden zu bilden. Die wichtigsten Einschnitte der Geschichte, die bisher unverrückbar fest standen: wie der Eintritt der Neuzeit mit 1517, wie das Goldene Zeitalter  des Perikles (430 vor Christi), wie der Eintritt des Christentums in die antike Welt, sind von der geschichtlichen kritik wegdisputiert und wegkritisiert worden.

Man hat sich bemüht, die Neuzeit einhundertfünfzig Jahre später oder zweihundert Jahre früher anfangen zu lassen. Man hat sich bemüht, die Goldene Zeit Griechenlands von Perikles zurückzuverlegen auf die Zeit der Äginetenfriese [das muss ein Druckfehler sein!] (500 bis 600) und der archaischen Bildhauerkunst.

Man hat Luther das Recht abgesprochen, durch seine Reformation die Neue Zeit eingeläutet zu haben,  und hat die Neuzeit aufs Jahr 1648 hinter den Dreißigjährigen Krieg datiert. Damit hat es die Wissenschaft zwar fertiggebracht, den Glauben an die bisherigen Einteilungen zu erschüttern, aber sie hat nicht die Kraft gehabt und konnte sie nicht haben, für ihre eigenen neuen Einschnitte die Massen zu gewinnen. Und wie hätte die Wissenschaft auch für ihre Schulmeinungen die Völker gewinnen sollen?

Die wichtigen Einschnitte der Geschichte werden ja nicht etwa erst durch Bücher oder durch Gelehrte festgelegt. Denn dass die Schlacht bei Tannenberg eine wichtige Geschichtssache sei, das wußte man am 1. September 1914, und man wußte es gerade nicht aus der geschichtlichen Literatur. Sondern es existierte eben von diesem Tage an der neue Name für eine entscheidende Tatsache: die Schlacht bei Tannenberg.

So aber ist es mit allen historischen Ereignissen bestellt. Der Siebenjährige Krieg, die Reformation, die hundert Tage Napoleons I., die französische Revolution, die „zehn Tage, die die Welt erschütterten“, das sind Ereignisse, die sich in Herz und sinn der Zeitgenossen eingschreiben und eingeschrieben haben müssen, bevor wir begierig zu den Büchern greifen, die uns diese Ereignisse  im einzelnen erzählen wollen. Die Bücher erzählen, was passiert ist. Aber sie müssen von dem erzählen, was Auffälliges passiert ist. Jedoch: wir wollen heute von anderen Ereignissen erzählt bekommen als bisher.

Deswegen sind die Schulbücher in Verlegenheit. Im Augenblick dieser Verlegenheit sind die Geschichtserzähler auf eigene Faust vorgestoßen: Sie haben viele Biographien auf den Markt geworfen. Die Helden der bisherigen Geschichte: Caesar, Napoleon, Friedrich II., aber auch Plato, Shakespeare,  und Goethe, Bismarck und Byron und so weiter sind in den letzten Jahren vorzüglich zum Gegenstand der Geschichtsbücher geworden, die die sogenannten Kulturgeschichtsbücher.

Die Wissenschaftsgeschichten, die Kunstgeschichten, Rechtsgeschichten, Geschichten der Technik, Geschichte der Arbeit, Geschichte des Porzellans, Geschichte des Ackerbaus, der Medizin usw. usw. sind immer zahlreicher geworden. Man hat als solche Spezialgeschichte auch die Geschichte des niederen Volks geschrieben.  Und an dieser Stelle greifen die Ersatz- und Teillösungen und die Spezialwerke am klarsten hinüber in die neuen Generalfragen, die wir als Laien an die Geschichte stellen.

Nicht der Staatsmann und nicht die Kardinäle, nicht die demokratischen und die konservativen Politiker, nicht die Lehrer und die Juristen sind nämlich heute das Publikum, das den Geschichtsschreibern die Aufgabe stellt. So war es noch bei Treitschke, bei Sybel, bei Ranke und bei Mommsen. Dieses Publikum gibt es natürlich auch heute noch. Aber eine andere Seite unserers Innern bedarf heute auch der Geschitsschreiber!

Es ist der Enkel einer Familie, der Erbe eines Geschlechts, der Sohn eines Elternpaares, der heute angesichts der Bedrohung der Familie geschichtsbedürftig wird. Und diese vielen einzelnen Söhne des Volkes, die in einer Notzeit sich fragen, wie sie zu Ahnherren künftiger Geschlechter zu werden vermöchten, tragen ihr inneres hinaus in die Öffentlichkeit. Das ist die tiefe Unruhe die alle Rationen der Erbe ergriffen hat!

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Das ist in etwa die Hälfte des Artikels………….

Teil 2 folgt demnächst….

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Die Aktualität des Artikels heute, 90 Jahre später, erschreckend!

Professor Rosenstock beklagte die Zustände seiner Zeit, ohne zu wissen, was die damals die unmittelbar aufkommende Zeit mit sich brachte.

Und heute, 90 Jahre später könnte ein neuer Professor Rosenstock fast Wort für Wort dasselbe schreiben.

Denn es sind wieder dieselben Zuständen. Mögen sie nicht zu denselben Entwicklungen führen. Aber wie soll das sein, wenn die Meinungsdiktaturen von heute uns solche Texte vorenthalten wollen?

Wenn sie uns nicht gestatten wollen, aus der Geschichte tatsächlich zu lernen, indem wir die Geschichte echt und realistisch kennenlernen dürfen?

Warum haben sie die Auflagen der Zeitungen aus den 30er Jahren gestoppt?