Bericht aus Berlin…Kann denn Muttersprache Sünde sein?

Von Klaus Fischer

Das Berliner Original Eckensteher Nante, diese legendäre, aufmerksame Person, die die Öffentlichkeit der deutschen Hauptstadt scharf beobachtet und gelegentlich kommentiert, hatte ja letztens in der DSW den Regierenden Bürgermeister Michael Müller auf dem Kieker, weil jener die Wissenschaftsstadt Berlin als „Brain City“ amtlicherweise benennen wollte. Doch nun kann Nante vom „Obermüllermeester“ Gutes berichten. Als derzeitiger Bundesratspräsident wurde der Berliner Regierungschef in Jordanien wie ein Staatsgast empfangen.

„Obermüllermeester“ trotz Deutsch „einigermaßen gewandt“

Eine große Berliner Lokalzeitung äußerte überheblich:

„Müller selbst bewegt sich nach fast vier Jahren im Roten Rathaus auch in der großen Politik inzwischen einigermaßen gewandt – obwohl er es immer noch bevorzugt, offiziell nicht Englisch zu sprechen“.

Nicht zu fassen, meint Nante, gehört der deutsche Bundesratspräsident nach Meinung des Morgenpost-Reporters nun in die Sprachsünderecke, weil er sich im Ausland seiner Muttersprache bedient und nicht mit den Jordaniern englisch radebrecht?

Nante lobt Müller darob! Und grübelt weil in Berliner Schulen jeder zweite Drittklässer nicht richtig deutsch
schreiben und nur schlecht lesen kann, wie der jüngste Vergleichstest der Länder zeigt.

Es handelt sich dabei übrigens um Schüler deutscher Herkunft. Bei den fremdsprachigen Mädchen und Jungen fielen sogar über 60 Prozent im Schreibtest durch.

Der Berliner Schauspieler Jürgen Vogel, der fünf Kinder großgezogen hat, meint, man müsse

„vor allen Dingen mehr Lehrer einstellen. Leider wird das Geld an falschen Stellen ausgegeben. Die Rechtschreibreform war zum Beispiel eine totale Geldverschwendung!“

Und dann doch wieder nur Englisch

Vom ABC-Schützen bis zur Abiturientin – den Nachwuchs umschwirren die Fremdsprachen. Nantes Enkelin, eine Achtkläßlerin, lernt heutzutage Englisch, Latein und Spanisch. Sie erzählt, Mitschüler, die die spanische Sprache erlernen, sind nach Mexiko gereist, um dort mit Gleichaltrigen, die wiederum Deutsch lernen, gemeinsam zu üben und sich gegenseitig zu helfen. Im April nun waren im Austausch mexikanische Mädchen und Jungen in Berlin zu Gast, wohnten bei ihren deutschen Freunden und nahmen in der Schule am Deutsch- wie am Spanischunterricht teil.
Jedoch, sowohl hier wie vorher drüben in Mexiko, verständigten sich die Jugendlichen hauptsächlich auf englisch …

Wiederum erlernen viele Schüler mit ausländischen Wurzeln, die hier leben, ihre Muttersprachen nicht ordentlich. Das haben wohl auch Politiker in Berlin wie im Land Brandenburg erkannt. Aus Potsdam wird gemeldet, immer mehr Schüler mit „Migrationshintergrund“ besuchten freiwillig zusätzliche Unterrichtsangebote in ihrer Muttersprache:

rund 380 Kinder lernen Arabisch, 240 Russisch, 190 Polnisch, 55 Persisch, 40 Vietnamesisch, zwölf Türkisch. Diese Herkunftssprache steht in Berlin sogar an erster Stelle. Hier werden in 20 Schulen zwei Stunden pro Woche extra türkische Sprach- und Landeskunde vermittelt.

Lehrer des Landes Berlin unterrichten, denn Eltern und der Türken Bund Berlin hatten schlechte Erfahrungen mit den vom Generalkonsulat bisher eingesetzten konservativen Erdogan-treuen Lehrkräften gemacht, die die Kinder politisch nationalistisch und religiös beeinflußt haben sollen.

Deutschkurs für den Knast-Gast

„Und unbedingt auf den Knast“, ergänzt Nante. In fast allen Gefängnissen der Bundesrepublik Deutschland wird nämlich Deutsch zur Fremdsprache!

Die Zahl der Ausländer in den Haftanstalten steigt. In Berlin beträgt der Anteil 47 Prozent. Oftmals verstehen die ausländischen Gefangenen Anweisungen nicht. Es kommt zu Konflikten, weil ihnen Regeln nicht in ihrer Muttersprache erklärt werden können. Der Bedarf an Sprachkursen, auch für das ohnehin schon überforderte Aufsichtspersonal und für Dolmetscher, steigt.

„Auch die Kompetenz im Umgang mit anderen Kulturen ist gefordert“,

weiß der Vorsitzende der Justizministerkonferenz Dieter Lauinger aus Thüringen. In Bayern leisten Aufseher wertvolle Hilfe, die selbst aus anderen Ländern und Kulturkreisen stammen.

„Der fremdländische Knast-Gast soll sich offenbar hierzulande wie zu Hause fühlen“,

vermutet Nante.

„Wie auch unsere Staatsgäste, wenn ick det mal bemerkein darf, raunt Nante geheimnisvoll. Der Eckensteher
hat nämlich einen aufschlußreichen Ausflug zur ältesten Berliner Waldgaststätte unternommen. „Hanff’s Ruh“ liegt im Grünauer Forst und bewirtet seit rund 130 Jahren Durstige und Hungrige.

Nante entdeckte in dem historischen Häuschen, daß der Wirt neuerdings für seine Gäste die Speisekarte dreisprachig drucken ließ: in Deutsch, Russisch und Englisch!

„Det hat Jröße“, freut sich Nante und flüstert dem Schreiberling dieses Berichtes zu: „Janz im Vertrauen, da findet wohl bald ein weltpolitisches Jeheimtreffen statt, in der versteckten Jrünauer Walddestille, wo jeder Staatsgast ala carte in seiner Muttersprache bestellen kann.

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Deutsche Sprachwelt_Ausgabe 72_Sommer 2018