Ich sah in der klaren Aprilnacht die »Goya« untergehen

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Eine Ortelsburgerin berichtet von ihrer Flucht über See

Jedes Ding hat seine Zeit – und die ist jetzt für den Abdruck eines Fluchtberichtes gekommen, den wir schon im vergangenen Sommer erhielten, ihn aber sorgsam verwahrten – bis heute. Denn am 16. April 1945 sank die „Goya“, und die Ortelsburgerin wurde Zeitzeugin dieser großen Schiffskatastrophe mit 7000 Toten, der sie selber nur durch Zufall entging. Als 85-Jährige hat sie ihre Erlebnisse aufgeschrieben, sie sollten nicht vergessen werden. Als die fast Hundertjährige 2012 verstarb, nahm ihre Tochter Gisela Greiner – die sich noch an die Flucht erinnern konnte, obgleich sie damals erst drei Jahre alt war – die handschriftlichen Aufzeichnungen und übersandte uns eine Kopie mit der Bitte um Veröffentlichung „als würdiges Andenken an alle Flüchtlinge, die das gleiche Schicksal erlebt haben“. Jetzt bekommt dieser Originalbericht einer Zeitzeugin den Platz, der ihm gebührt, denn es ist nun auf den Tag genau 70 Jahre her, und er fügt sich somit nahtlos in die Reihe unserer termingerechten Fluchtberichte.

„Meine Flucht begann Mitte Januar aus Ortelsburg mit drei kleinen Kindern – drei und zwei Jahre, das Jüngste sechs Monate alt. Wir kamen bis Bütow in Pommern, aber auch dort kam die russische Dampfwalze immer näher und wir waren in Alt-Kolziglow eingekesselt. In dieser Kirche war einst Bismarck mit Johanna von Puttkammer getraut worden. Es gelang mir mit Hilfe einiger Wehrmachtsangehöriger, nach Gotenhafen zu entkommen. Ich sah Danzig in einer furchtbaren Feuersbrunst untergehen. In Gotenhafen herrschten unbeschreibliche Zustände. Die Straßen und Plätze übervoll mit Flüchtenden aus Ostpreußen, dazu kamen die Rückflutenden aus Pommern, die nun in das Kreuzfeuer zwischen den Russen von der Landseite und dem Schweren Kreuzer ,Prinz Eugen‘ gerieten. Ich versuchte bei vielen Stellen, Schiffskarten zu bekommen, ohne die war eine Ausreise nicht möglich. Sogar bei der Fliegerin Hanna Reitsch, die Verwundete ausflog, bemühte ich mich, aber alles war vergeblich. Endlich landete ich am Hafen. Unzählige Flüchtlinge, vor allem Mütter mit Kindern am Ufer, im Wasser kleine Fischerboote. Wenn ich bis dahin noch an die Möglichkeit einer Rettung über See geglaubt hatte, so schien jetzt alles aussichtslos zu sein. Doch plötzlich sah ich ein großes Schiff, die ,Goya‘, sah einen Offizier die Gangway herunterkommen, lief auf ihn zu und sprach ihn an, ob ich nicht mit meinen drei kleinen Kindern an Bord kommen dürfe. Seine Antwort lautete, dass er erst den Kapitän fragen müsse, er sei Tierarzt und habe keine Befugnisse. Bald kam er zurück mit einem negativen Bescheid. Auch von dort keine Hilfe – wir saßen in der Falle. Ich war verzweifelt.

Da fasste mich jemand an die Schulter, und als ich mich umdrehte, erkannte ich einen Offizier, der uns schon einmal geholfen hatte, als er mich in Pommern auf einem Lkw ein Stück Weges mitgenommen hatte. Seine Mannschaft verlud auf einem kleinen Frachtschiff Lastwagen der Wehrmacht und wollte mit diesem in den Westen. Meiner Bitte, mich doch mit meinen drei kleinen Kindern mitzunehmen, wurde entsprochen! Das Schiff wollte bald ablegen, aber meine Kinder waren noch im Lager. Es fand sich ein Kastenwagen mit Pferd, mit dem ich die Kinder holte. Als wir am Hafen ankamen, war die Gangway bereits eingezogen. Die Soldaten stiegen auf die Schultern und hoben die Kinder samt Kinderwagen und mich an Bord.

Auf dem Schiff waren mehrere Lkws, auch einige Flüchtlinge, Angehörige der Organisation Todt (OT), Soldaten und vier russische Kriegsgefangene. Ich versuchte, aus Decken eine Art Zelt zu bauen, um die Kinder vor der Kälte zu schützen. Bei Dunkelheit wollten einige Frauen mir die Decken wegnehmen. Soldaten, die das beobachteten, meldeten diesen Vorfall dem Kapitän, der schnell für Ordnung sorgte. Er ließ bekannt geben, dass er jeden über Bord befördern werde, der plündert. Ein Soldat bot mir Hilfe an, indem er vorschlug, vor der Kälte mit den Kindern in einem Lkw Schutz zu suchen. Ich nahm das Angebot dankend an. Unter einer Zeltplane waren wir zusammen mit mehreren Soldaten vor der Kälte geschützt.

Bei Einbruch der Dunkelheit fuhren wir im Geleitzug von acht Schiffen, darunter als größtes Schiff die ,Goya‘. Auf unserem Schiff, das der Hamburger Reederei Ernst Russ gehörte, traf ich einen jungen Soldaten aus meiner Heimatstadt, der als Verwundeter in ein Lazarett nach Berlin verlegt wurde. Da es sehr eng auf dem Lkw war, stieg ich aus und ging an die Reling. Ich hatte das Nachtglas meines Mannes immer um den Hals gehängt bei mir, und so nahm ich es auch jetzt und suchte damit die dunkle See nach anderen Schiffen ab. Es war eine sternenklare Nacht, und die Sicht war gut. Und da sah in der Ferne die ,Goya‘, die sich wie ein verwundetes Tier aufbäumte und sehr schnell in der Tiefe versank. Ich war betroffen: Welcher Schutzengel hatte meine Kinder und mich vor diesem Schicksal bewahrt. Was war ich verzweifelt über die Ablehnung des Kapitäns gewesen. Aber ich wollte darüber nicht sprechen, um keine Panik zu erzeugen. Ich musste damit alleine fertig werden.

Wir kamen als einziges Schiff aus dem Geleit in Kiel an. Dort wurden wir fürsorglich empfangen und mit Bussen zum Bahnhof gebracht, wo uns auf weiß gedeckten Tischen Essen gereicht wurde und wo wir uns auch waschen konnten. Wir empfanden das alles als ein Glück. Es war die beste Aufnahme auf der ganzen Flucht. Aber bald beschossen englische Tiefflieger den Bahnhof, und wir mussten fort und landeten in Hamburg-Altona. Aber auch dort Fliegerangriffe, und es waren nicht die letzten. Ich besitze noch heute Teile von Geschossen, die ich in den Federbetten meiner Kinder fand. Ich habe das alles nie vergessen, und ich habe in meinem langen Leben oft voller Dankbarkeit daran gedacht, dass wir damals nicht mit der ,Goya‘ untergegangen sind.“

R.G.  Preußische Allgemeine Zeitung Ausgabe 15/15 vom 11.04.2015