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Kriegsopfergedenken erschließt sich im Kontext geschichtlicher Deutungsmuster. Monumente wie das Leipziger Völkerschlachtdenkmal preisen die Kämpfer als heldenhafte Befreier vom napoleonischen Joch. Vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zeugen die Berliner Siegessäule oder das Niederwalddenkmal bei Rüdesheim. Ein ungebrochenes Verhältnis zu Nation und Soldatentum offenbaren auch Erinnerungsstätten des Ersten Weltkriegs.

Während des Ersten Weltkrieges kam es zu ersten Luftschlägen, vor allem im Südwesten des Reichs. Ein französischer Zeppelinangriff auf Karlsruhe tötete am 22. Juni 1916 über 100 Menschen, darunter 71 Kinder nach einem Zirkusbesuch. An seine Signalwirkung für den späteren totalen Krieg erinnert eine Säule vor den Gräbern. In Koblenz übertrug man den Sinn des Soldatentods auf die Bombenopfer: „12. März 1918 – Auch Ihr starbt für das Vaterland“.

Weitaus mehr Menschenleben forderte der strategische Luftkrieg zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich, der im Mai 1940 mit Angriffen auf militärische Ziele begann. Seit der Area Bombing Directive vom 14. Februar 1942 setzten die Briten zusehends auf Flächenangriffe. Diese sollten die „Durchhaltemoral der Zivilbevölkerung, vor allem der Industriearbeiter“ schwächen. Der letzte Großangriff des Bomber Command am 14. April 1945 galt dem Potsdamer Hauptbahnhof. Laut dem Potsdamer Jahrbuch aus dem Jahr 1966 tötete er genau 3.578 Menschen. 1.641 von ihnen fanden auf dem Postdamer „Neuen Friedhof“ auf zwei „Bombenopferehrenfeldern“ ihre letzte Ruhe. Auf den Grabsteinen sind zum Teil mehrere Tote verewigt. Etwa ein Viertel ist namenlos.

Die häufig genannte Zahl von 700.000 Bombentoten in Deutschland − darunter Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter − bleibt vage, da sich 1945 Terrorangriffe auf Orte mit Flüchtlingsströmen häuften. Am stärksten schwanken die Schätzungen für die Spreng- und Brandbombenattacken auf Dresden vom 13. bis 15. Februar 1945 (25.000 bis 250.000) und den Luftschlag der US-Streitkräfte gegen − laut Einsatzprotokoll − „Rangierbahnhöfe“ des Ostseehafens Swinemünde am 12. März 1945 (4.500 bis 23.000).

Beide Städte stehen im Fokus der Luftkriegserinnerung. Zwar geriet Swinemünde 1945 unter polnische Verwaltung, Massengräber für die Opfer entstanden aber auf dem heute zu Mecklenburg-Vorpommern gehörenden Hügel Golm. Sein Blickfang ist das „Flüchtlingsmädchen“ des DDR-Bildhauers Rudolf Leptien. Die Namen von 669 bekannten Opfern wurden in Bronze graviert, ebenso zwei Gedenktexte. „20.000 Opfer des Bombenangriffs am 12. März 1945 auf Swinemünde. Eine Stadt sank in Trümmer. Vergeben, doch nicht vergessen. Wir gedenken der Toten“ heißt es auf einer privat gestifteten Tafel.

Mittelpunkt Dresdner Erinnerungskultur ist das Massengrab des Heidefriedhofs, wo die meisten geborgenen Leichen und Leichenteile bestattet wurden. Den Vierzeiler der Gedenkwand textete der einer jüdischen Handwerkerfamilie entstammende Max Zimmering, Multifunktionär im DDR-Schriftstellerverband und Kandidat des Zentralkomitees der SED: „Wie viele starben? Wer kennt die Zahl? An Deinen Wunden sieht man die Qual der Namenlosen, die hier verbrannt im Höllenfeuer aus Menschenhand.“ Der sprachlichen Wucht dieser Anklage begegnet seit 2010 die Trauer einer sensibel modellierten Mädchenfigur am anderen Ende des Ehrenhains.

Einzelschicksale gehen
in Massengräbern unter

Weitere Dresdner Massen- und Einzelgräber findet man etwa auf dem Johannisfriedhof. In der Innenstadt erinnern Bildwerke an Zerstörung, Tod und Wiederaufbau sowie eine überlebensgroße „Trümmerfrau“ an der Ostseite des Rathauses (Bronze, 1967). Abstrakter Formensprache bedient sich die monumentale „Maria mit dem toten Jesus“ (Meißner Porzellan, 1976) in einer Seitenkapelle der Dresdner Hofkirche. Die Frauenkirche, als Ruine noch Mahnmal gegen „imperialistische Barbarei“ (Bronzetafel von 1982, heute im Stadtmuseum), gilt seit ihrem Wiederaufbau als Symbol der Versöhnung.

Über historisch-ideologische Brüche hinweg waren die Toten stets auch ein Propagandawerkzeug. Am 16. Februar 1945 beklagte der Völkische Beobachter das „Kulturverbrechen an Dresden“ − eine Steilvorlage für die DDR mit ihrer doppelten Frontstellung gegen US-amerikanischen „Imperialismus“ und einen als Sonderform kapitalistischer Herrschaft gedeuteten „Faschismus“. Sowjetische Kriegsverbrechen wurden verschwiegen; um so heftiger geißelte man den „anglo-amerikanischen Bombenterror“. Galionsfigur dieser Haltung war der Dresdner Oberbürgermeister Walter Weidauer, dessen Schriften die DDR-offiziöse Zahl von „mindestens 35.000 Opfern“ zementierten.

Auch eine „Historikerkommission zu den Luftangriffen auf Dresden“ stiftete keinen Konsens. Die von ihr beschriebene Opferzahl von „höchstens 25.000“ könnte eher eine Best-Case-Analyse sein. Argumentreich begründet der Dresdner Zeithistoriker Wolfgang Schaarschmidt seine These von weit über 100.000 Bombentoten.

Gegensätze prägen auch die Hamburger Luftkriegserinnerung. In engen Arbeitervierteln der Hansestadt hatte das Bomber Command am 27./28. Juli 1943 („Operation Gomorrha“) einen Feuersturm erzeugt, der 35.000 Menschen tötete. Sie ruhen auf dem Friedhof Ohlsdorf in einem Massengrab, dessen Tristesse durch ein gewaltiges Werk der Bildhauerkunst noch gesteigert wird: die vom Totenfährmann Charon begleitete „Fahrt über den Styx“. Gerhard Marcks schuf hier 1951 den Prototyp der stummen Anklage.

Auf den Vorhalt, solche Mahnmale blendeten den NS-Bezug der Zerstörung Hamburgs aus, antwortete die Stadt mit einem Dokumentationszentrum in der Kirchenruine von St. Nikolai und der Aufstellung einer Skulpturengruppe Alfred Hrdlickas am Dammtorbahnhof („Gegendenkmal zum 31er-Denkmal“, 1985/86). Aufrüttelnder Blickfang ist eine Bronzeplatte mit ausgemergelter Feuersturm-Leiche.

Einzelschicksale gehen in Massengräbern unter

Auch die Massengräber auf den Hauptfriedhöfen von Kassel (22./23. Oktober 1943, 8.000 Tote), Darmstadt (11./12. September 1944, 12.000 Tote) oder Pforzheim (23./24. Februar 1945, über 18.000 Tote) lassen ein Gespür für die Sinnlosigkeit des totalen Luftkriegs aufkommen. Einige tausend Opfer konnte man durch Namen auf Grabsteinen und Bronzetafeln der Anonymität entreißen.

Einzelschicksale nehmen Konturen an. Der Pforzheimer Grabstein trägt die Inschrift: „Hausgemeinschaft Kaiser-Wilhelm-Str. 45“. Auf dem Westfriedhof Paderborn wird einer siebenköpfigen Familie gedacht, die im Keller ihres Hauses verbrannte. Privat gestiftete Tafeln in Saarbrücken beklagen den Bombentod von 26 jugendlichen Flakhelfern. In einem Essener Massengrab ruht der durch Bombenabwürfe auf ein Gefängnis getötete Peter Jügel. Wegen seiner Zustimmung zum Stauffenberg-Attentat − „Wäre der Lump doch dabei umgekommen“ − war er vom eigenen dreizehnjährigen Sohn denunziert worden.

Zwar legen Vertreter von Politik und Kirchen sowie der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge regelmäßig Kränze an Gräbern, Monumenten nieder. Dennoch tut sich Deutschland mit den Bombenopfern schwer. Gemeinsamer Nenner sind die schlichten Worte „Den Toten zum Gedenken, den Lebenden zur Mahnung“. Sie finden sich − mitunter abgewandelt oder durch Bibelzitate ergänzt − an vielen Grabfeldern und Kirchenruinen.

Selten werden die Terrorangriffe kritisiert. Passende Inschriften existieren noch auf verwitterten Friedhofsplatten in Hildesheim („Trauernd gedenkt die Stadt der erschlagenen Söhne und Töchter. Wehrlose Opfer der Willkür“) und Chemnitz („Zum Gedenken an 4.000 Opfer des anglo-amerikanischen Bombenterrors am 5. März 1945“). Auf dem Sockel einer schwörenden Hand − ein antifaschistisches Kampfsymbol − „mahnen 3.330 Opfer des Bombenterrors“ (Parkfriedhof Berlin-Marzahn).

Spektakulär wechselte die Stadt Jena von kantigen Gedenkworten zur stromlinienförmigen Selbstanklage. 2006 verschwand am Markt ein Stein mit Hinweisen auf „amerikanische Terrorbomben“. Der aktuelle Text lautet: „Im Frühjahr 1945 wurde das Stadtzentrum Jenas durch Bomben zerstört. Damit kam der Krieg, der von Deutschland ausging, hierher zurück.“ Auch andere Städte versuchen, ihre Zerstörung mit einer angeblichen Alleinschuld der Deutschen zu rechtfertigen. Kein Gedenkredner erwähnt die Zivilschutzparagraphen der Haager Landkriegsordnung.

Kreative Akzente setzt das gegen Kriegsende zu 98 Prozent zerstörte Wesel. Auf dem Großen Markt zitiert ein Bronzedenkmal den humanistischen Gelehrten Konrad Heresbach: „Denn es gilt Irrtümer, nicht Menschen auszurotten.“

Foto: Bombenopferehrenfeld auf Potsdams Neuem Friedhof: 1.641 Opfer des Luftangriffs britischer Bomber vom 14. auf den 15. April 1945 haben hier ihre letzte Ruhe gefunden. Etwa ein Viertel von ihnen ist namenlos.

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