Gesundheit: Pharma: Wenn Arznei zum Albtraum wird


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Als Patient lebt man gefährlich: Wirkungslose Medikamente, unterschlagene Studienergebnisse zu erheblichen Nebenwirkungen, kriminelle Banden, die in chinesischen Ekel-Werkstätten Pillen zusammenpanschen. Wir enthüllen jetzt die dreistesten Pharma-Lügen.

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Im Jahr 2009 herrschte Alarmstimmung bei den nationalen und internationalen Gesundheitsbehörden: Immer mehr Menschen erkrankten an der angeblich sehr gefährlichen Schweinegrippe. Die Medien berichteten übereinstimmend reißerisch über das mutmaßliche Killervirus. Bei der Weltgesundheitsorganisation jagte eine Krisensitzung die nächste. Doch da gab es auch einen Lichtblick: Der Schweizer Pharmariese Roche hatte das Grippemittel Tamiflu Grippemittel Tamifluauf den MaTkt gebracht. Damit, so das Versprechen, könnten in vielen Fällen Komplikationen wie Lungenentzündung mit tödlichem Ausgang verhindert werden. Außerdem verkürze der Einsatz von Tamiflu die Dauer der Erkrankung. Rund um die Welt gaben Regierungen Milliarden aus, um das Grippemedikament zu horten.

Patientendaten unterschlagen

Dem Pharmakonzern Roche bescherte die Schweinegrippe-Hysterie ein Rekordgeschäft. Für die Regierungen jedoch war der Kauf dieses Medikaments eine gigantische Fehlinvestition. Denn Tamiflu ist weit weniger wirksam als der Hersteller verspricht. Zu diesem Ergebnis kommt der junge US-Wissenschaftler Peter Doshi von der renommierten Johns Hopkins Universität in Baltimore. Bei seinen Recherchen stellte er fest, dass Roche bei der Veröffentlichung seiner Studien zu Tamiflu mehr
als die Hälfte aller Patientendaten schlicht unterschlagen hat. Was nicht passt, wird nicht veröffentlicht. So lautet offenbar die Parole. Und zwar nicht nur bei Roche. Auch
der britische Arzt und Buchautor Ben Goldacre berichtet in seiner brisanten Neuerscheinung Die Pharma-Lüge über eine merkwürdige Kommunikationspolitik von Roche im Fall des Grippemedikaments Tamiflu. So seien die Gesundheitsbehörden zu ganz unterschiedlichen Einschätzungen gekommen. Während zum Beispiel die Europäische Arzneimittelzulassungsbehörde (EMA) davon überzeugt war, dass Tamiflu das Risiko von lebensbedrohlichen Komplikationen bei Schweinegrippe verhindern könnte, erkannte die japanische Zulassungsbehörde keinen Nutzen. Noch kurioser: Die US-amerikanische Food and Drugs Administration (FDA) beurteilte Tamiflu ebenso skeptisch wie die Kollegen in Japan.medikamente_97275
Die US-Gesundheitsbehörde jedoch vertrat die Auffassung, das Medikament reduziere die Risiken von Komplikationen. Damals habe beträchtliche Uneinigkeit über die allgemeine Einschätzung des Medikaments geherrscht, schreibt der Mediziner Ben Goldacre. »Offensichtlich lagen unterschiedliche Daten vor«. Kein Einzelfall, wie jüngste Untersuchungen ergaben: Kommen neue Medikamente auf den Markt, dann veröffentlichen viele Hersteller nur die Studienergebnisse, die für das betreffende Mittel sprechen. Eher negative Erkenntnisse hingegen werden geflissentlich verschwiegen. Verheimlichte Studien, vertuschte Nebenwirkungen, wirkungslose Therapien, der Arzt und Autor Ben Goldacre spricht von einer gigantischen »Pharma-Lüge«. Dadurch würden Ärzte in die Irre geführt und Patienten geschädigt, in manchen Fällen sogar mit lebensgefährlichen Konsequenzen.

Tod als Nebenwirkung

In seinem Buch schildert Goldacre einen besonders haarsträubenden Fall aus dem Jahr 2006. Damals stellten sich sechs Probanden in einem Londoner Krankenhaus zur Verfügung, um angeblich erstmals das neue Medikament TGN1412Medikament TGN1412 an Menschen zu testen. Dabei handelt es sich um ein Molekül, das sich an weißen Blutkörperchen anlagert. Jeder Proband erhielt für seine Rolle als Versuchskaninchen ein Entgelt in Höhe von umgerechnet etwa 1750 Euro. Doch beinahe hätten die Testpersonen ihre Teilnahme an dieser Studie mit dem Leben bezahlt. Schon eine Stunde, nachdem das Medikament verabreicht worden war, bekamen die Probanden heftige Kopf- und Muskelschmerzen, später folgte hohes Fieber. Nach einem Tag kam es zu Atembeschwerden, Flüssigkeit in der Lunge, Nierenversagen und nicht mehr kontrollierbaren Blutgerinnungsstörungen. Die Probanden mussten schließlich auf der Intensivstation künstlich beatmet werden und haben nur mit viel Glück und dank des unermüdlichen Einsatzes der Ärzte überlebt. Für Ben Goldacre ein unglaublicher Vorgang: »Es gab Hinweise auf ein hohes Risiko des Versuchs. Nur konnte das niemand wissen, weil diese Ergebnisse der wissenschaftlichen Gemeinde nie mitgeteilt wurden. Sie lagen unveröffentlicht herum«. Weil die Pharmakonzerne unbequeme Forschungsergebnisse unter Verschluss hielten, genehmigten die Zulassungsbehörden auch »miserable Präparate, deren zum Teil fatale Nebenwirkungen Ärzten und Patienten verschwiegen werden«, kritisiert Goldacre.

Viele Gefälligkeitsgutachten

Wie positiv die Studien ausfallen, hängt vor allem davon ab, wer diese finanziert. Im Jahr 2010 trugen Wissenschaftler aus den USA und Kanada alle Studien zu den größten Medikamentengruppen zusammen und nahmen die Ergebnisse unter die Lupe.medikamente2

Dabei stellte sich heraus, dass 85 Prozent der von der Industrie finanzierten Studien positiv ausfielen, aber nur 50 Prozent der von unabhängigen Institutionen bezahlten Untersuchungen. Der Wissenschaftler Peter Doshi hat zusammen mit Kollegen eine Initiative gestartet, um gegen diese Art der gefährlichen Studienunterdrückung vorzugehen. Dank des weitreichenden US-amerikanischen Informationsfreiheitsgesetzes haben sich die Wissenschaftler Zugang zu fast 180000 Seiten interner, bisher geheimgehaltener Studiendokumente der Industrie verschaffen können. Eine Art WikiLeaks der Pharmabranche. Dabei wird geprüft, ob die Hersteller auch die negativen Studienergebnisse publiziert haben. Wenn nicht, werden die Pharmakonzerne vor eine einfache Alternative gestellt: »Entweder ihr veröffentlicht diese Studienergebnisse zeitnah in anerkannten Publikationen, oder wir tun das«. Das British Medical Journal, eine der renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften, hat bereits Unterstützung zugesagt. Neue Medikamente,Assorted Medicine Pills in Caps deren Nebenwirkungen nicht ausreichend kommuniziert werden, sind schon schlimm genug. Extrem gefährlich wird es jedoch für Patienten, wenn sie gefälschte Arzneimittel zu sich nehmen. Und das Geschäft mit gepanschten Pillen boomt weltweit. Unter primitivsten Voraussetzungen werden vor allem in China, Kolumbien, Pakistan und Indien gefälschte Medikamente mit teilweise sogar giftigen Inhaltsstoffen hergestellt. Damit können kriminelle Banden noch mehr Geld verdienen als mit Drogen.

Die WHO schätzt, dass jedes zweite der im Internet vertriebenen Medikamente gefälscht ist. Arzneimittelhersteller, Pharmagroßhändler und Apotheken haben die Initiative SecurPharm ins Leben gerufen. Rezeptpflichtige Präparate sollen nun nach und nach DataMatrix-Codes erhalten. Die am Projekt beteiligten Apotheken werden mit entsprechenden Scannern ausgestattet, um Produktfälschungen schneller entlarven zu können. Kritiker nennen dies jedoch nur einen Tropfen auf den heißen Stein.

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nachzulesen bei Kopp-Exklusiv 34-2013

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2 Kommentare zu „Gesundheit: Pharma: Wenn Arznei zum Albtraum wird“

  1. alles seit Jahren bekannt.
    wird schon in dem Film „Auf der Flucht“ mit Harrison Ford mitgeteilt.
    die zweithäufigste Todesursache in BRD ist der Arztbesuch.

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